25. September 2018,

Prager Kneipennächte (Teil 2)

Illustrationsfoto

14. 08. 2018

Nachtkneipen sind eine Prager Institution. Sie schließen sehr spät – oder nie. Und haben daher ihr eigenes Leben und spezielles Publikum

 


Von Klaus Hanisch


Prager Kneipennächte (Teil 1)


Mittwoch Nacht:
Kneipe öffnet ab 16.30 Uhr. Täglich. Im Sommer um 18 Uhr. Besitzer heute selbst hinter der Theke. Wirft kritischen Blick auf jeden, der Tür passiert. Erwartet nicht nur kurzes Kopfnicken, wenn frisches Bier gewünscht wird. Wie in manch Prager Kneipe durchaus üblich. Sondern klare Ansage in vollständigem tschechischen Satz. Dazu „bitte“ am Satzende. Auch noch nach Mitternacht. Und auch von Ausländern. Zur Not auf Deutsch. Ausländer hier jedoch nur selten zu sehen.

Ist Dienstleister, will aber nicht Diener seiner Gäste sein. Hatte indes blendende Geschäftsidee. Neben Kneipe noch andere Lokale in Straße. Schließen alle gegen elf am Abend. Dann hat nur noch er Zapfhahn-Gewalt. In dieser Vorstadt.

Schließt immer, wenn glaubt, dass Zeit dafür sei. Oder wenn keiner mehr da ist, den er leiden kann. Schließt daher manchmal erstaunlich früh. Aber zuweilen auch erstaunlich spät. Laut Aushang bis zwei Uhr nachts Barbetrieb. Eher unverbindlicher Vorschlag. Wobei ab zwei allerdings kein Neuer mehr reinkommt. Nicht einmal, wenn er hier bekannt ist. Zumeist jedenfalls nicht.

Franta, sein Theker, macht dicht, wenn der Letzte geht. Und pfeif auf Öffnungszeiten. Wird wahrscheinlich nach Umsatz bezahlt. Besitzer beschäftigt zuweilen auch Aushilfsschenker. Achten stets genau auf Schließzeiten. Wie 450-Euro-Kräfte in Deutschland.

Besitzer arbeitet nur an manchen Abenden. Sieht aus wie der späte Wolfgang Neuss: dünnes Haar, hinten zu Zopf gebunden, verbrauchtes Gesicht. Allerdings ein paar Jahre jünger als der Berliner Kabarettist damals. Wie beim späten Neuss auch bei ihm nicht ganz klar, ob er noch Zähne hat. Selbst wenn er lacht.

Schlabber-Polo. Schlabber-Jeans. Leichte O-Beine. Meinungen über Chef geteilt. Für einige despotischer Herr im Haus. Für andere schüchterner Mensch. Weshalb er Gast wie Feind behandelt. Gegenüber mir sehr reserviert. Fast schon barsch. Möchte ihm deshalb immer um Hals fallen, wenn er mir trotzdem ein Bier zapft. Gibt sich jedes Mal überrascht von Bestellungen. Obwohl ich stets das Gleiche bestelle: kleines Bier, 10 Grad, etliche Krüge nacheinander. Behandelt aber auch Ondřej so. Den Tschechen. Stammgast. Und Freund von dessen Bruder. Hat Ondřej mehrfach angeführt.

Open end

Eingangstür spiegelt Charakter des Besitzers wider. Leistet heftigen Luft-Widerstand bei jedem, der ins Innere strebt. Lässt sich so schwer öffnen, dass Eindruck entsteht, Kneipe habe bereits geschlossen. Zumindest bei kraftloseren Gästen. Ganz im Sinne des Betreibers. Schwächlinge haben hier nichts zu suchen.

Gerade zwei neue Schnäpse auf Theke. Sind für zwei schlanke junge Frauen, beide Ende 20. Vielleicht auch schon Mitte 30. Dunkelbraune Haare die eine, kurze blonde die andere. Ihre Umarmungen werden von Minute zu Minute intensiver.

Halb zwei am Morgen. Mit ihnen noch acht weitere Gäste im Raum. Darunter Jindřich. Kurze wellige Haare. Kräftig. Eigentlich schon untersetzt. Jeans rutscht immer leicht unter Bauchansatz, wenn er geht. Graue Jacke. Sieht aus wie Taxifahrer.

Frauen ziehen sich von Theke an Holztisch zurück. Setzen sich gemeinsam auf Stuhl, Schoß auf Schoß. Beide in blau-weißen Matrosen-Shirts. Eines mit etwas breiteren Streifen. Jindřich gesellt sich dazu. Lädt sie auf Schnaps ein. Will mit ungelenkem Lächeln wissen, ob das Spaß macht, Liebe zwischen Frauen. Nicht, dass er was dagegen hätte. Sei aber lieber Mann. Frauen schauen ihn kurz an. Und lächeln.

Besitzer legt Zettel an. Wie alle Theker hier. Jede Nacht. Vermerken Zeche eines Tisches. Strich für Strich. Beschränkt sich nicht auf Bier. Auch Slivovice. Und anderes. Werden bei einigen Gästen immer umfangreicher, je weiter sich Uhrzeiger von Mitternacht entfernen.

Im Moment sieben kleine Zettel neben Zapfhahn. Genauer: zwischen Zapfhahn und Spüle. Ab und an spritzen kleine Wassertropfen auf Listen. Manchmal auch größere Wasserstreifen. Dann sind nicht mehr alle Striche zu erkennen. Was Besitzer stets heftig fluchen lässt.

Frauen stellen jetzt zwei Stühle so, dass sie fast aufeinanderliegen. Die Frauen, nicht die Stühle. Theker nimmt deshalb an, dass sie gleich T-Shirts heben und sich gegenseitig Jeans vom Leib reißen. Um den Moment nicht zu verpassen, bestellen alle noch ein Bier. Jeweils.

Únětický, 0,3 Liter (10 Grad) für 19 Kronen. Umgerechnet etwa 80 Cent. Und 0,5 Liter für 28 Kronen. Ungefähr 1,10 Euro. Für 0,3 Liter mit 12 Grad werden 25 Kronen verlangt. Für 0,5 Liter 36 Kronen. Kleine Brauerei aus Únětice. Kaff ein paar Kilometer nordwestlich von Prag. Angeblich Tradition seit 1710. Geheimtipp für etliche Bierkenner. Ebenso für Tschechen, die gerne kleine Brauereien im Land unterstützen. Statt Industriebier. Also Pilsner. Und andere. Wie sie sagen.

Kurz vor zwei Uhr. Frauen gehen vor die Tür. Wo Raucher stehen. Setzen sich auf Fensterbank und schmusen. Ihre Schatten sind durch große Glasscheibe von innen zu erkennen. Besitzer schaut hinterher. Lächelt. Geht dann raus und raucht auch Zigarette.

Kleine Luftschächte an gegenüberliegenden Wänden. Werfen ununterbrochen Art von Frischluft in kleinen Raum. Obwohl hier längst nicht mehr geraucht wird. Ärmel mancher T-Shirts flattern im Wind. Umso stärker, je näher Träger den Gebläsen sitzen. Hin und wieder niest einer.

Etwa viertel drei. Eine Matrosen-Frau geht auf Toilette. Jindřich sieht ihr nach. Kurz darauf folgt die andere. Sind nach fünf Minuten noch nicht zurück. Jindřich hält's nicht mehr aus. Geht ihnen nach. Stößt an Tür in sie hinein. Kommen gerade wieder zurück. Jindřich wirkt enttäuscht.

Halb drei. Frauen geraten plötzlich mit Mann in Streit. Ist nicht Jindřich, sondern anscheinend Ehemann von dünn Gestreifter. War plötzlich in der Kneipe. Rät ihm, nach Deutschland abzuhauen, wenn's ihm nicht passt. Jindřich wirft sich dazwischen. Mann geht. Jindřich bekommt Schmatz von dünn Gestreifter. Macht jetzt auf Kavalier. Lädt Frauen zu Schnaps ein. Eine gibt noch Schnaps dazu. Jindřich schmeißt sich an Frau mit dicken Streifen ran. Streicht ihr übers Haar. Dann über Zopf. Wehrt ihn mit heftigem Schlag ab. Dünn Gestreifte lächelt Jindřich einfach weg. Wie zuvor schon an der Tür. Ignoranz durch Lächeln.

Besitzer beschließt kurz vor drei, Kneipe dichtzumachen. Kommt an Tisch, räumt Gläser ab. Sagt „Schluss“. Ohne Vorwarnung. Nur dieses Wort. „Last order“ nicht mehr möglich. Platziert sich dann wie angriffsbereite Bulldogge zwischen Tresen und Küchentür.

Noch sechs Gäste im Raum. Schätzungsweise zwischen 25 und 40 Jahren. Zwei trinken seit Stunden Whisky-Mischgetränke. Zuweilen auch Whisky pur. Besitzer fasst jetzt jeden Einzelnen scharf ins Auge. Nicht einer wagt es, noch länger als zwei Minuten zu bleiben.

Bis zum Morgengrauen ...

Donnerstag Nacht:
Großes Glück, dass in tschechischen Kneipen noch gesungen wird. Findet Ondřej. Hier jeden Donnerstag. Zuweilen bis spät in die Nacht. Am Tisch der Basar-Bastlerinnen von Sonntag heute Gruppe älterer Leute. Vier Männer und drei Frauen. Lichtere Haare, größere Wampen. Etwas bessere Klamotten. Frauen blondiert. Trinken nur Wein, meist Rotwein. Gerne auch Espresso, sogar nachts um halb zwei. Bilden eigene Insel in diesem bierseligen Ozean. Klatschen für sich, reden nur untereinander. High Society des Lokals. Sozusagen.

Großes Horn an der Decke. Daneben Gitarre. Dazu Klavier vor Toilette. Wird so gut wie nie genutzt. Wahrscheinlich verstimmt. Kleine Bühne schräg gegenüber. Für kleine Konzertauftritte übers Jahr. Deshalb auch Spot an der Wand.

Inmitten der besseren Gesellschaft: drahtiger Mann, kurze graue Stoppelhaare. Ende 50. Quasi der Elder Statesman. Moderiert Gespräche am Tisch. Bestellt zuweilen für alle. Greift jetzt zur Gitarre. Holten zwei Gäste zuvor für ihn von der Decke. Begleitet sich dazu selbst mit Mundharmonika. Hängt um seinen Hals.

Spielt so was wie Fahrtenlieder. Klingt wie Heino in seinen frühen Jahren. Singt dazu, mit kräftiger Stimme. Volumen reicht aber nicht ganz an deutschen Barden ran. Songs sind vielen Besuchern bekannt. Auch jüngeren. Unterbrechen angeregte Gespräche über Beruf und Alltag. Stimmen bei mancher Strophe ein. Könnten sie aus Kindheit und Jugend in einem Ferienlager kennen. Sind hierzulande ja sehr beliebt.

„Unsinn“, korrigiert Ondřej. Sind Lieder aus tschechischer Tramperbewegung. Gibt es schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Erläutert Ondřej. Freiheit, Abenteuer, Melancholie!

„Schööön.“ Ondřej, der deutschen Sprache mächtig, schwärmt von jedem Lied. Mit lang gezogenem Umlaut. Besonders von diesem jetzt. Handelt von Mann, der am nächsten Tag erschossen wird. Gedenkt all der Küsse und Liebe, die er nicht hatte. „Ach, wie schön“. Ondřejs Augen leuchten. Wie Kornblumen im Sommerlicht. Das Kind im Manne erwacht zu neuem Lebensglück.

Sänger liest Text von Tablet ab. Seine Abenteuer liegen zu lange zurück, um noch jede Zeile zu kennen. Applaus von Zweier- und Vierertischen. Junger Mann von etwa 130 Kilo Lebendgewicht reißt fleischige Arme hoch. Brüllt mehrfach freudetrunken „Hurra“ aus. Besonders nach diesem Lied.

Ondřej hat wieder Robot dabei. Den Labrador-Mischling. Gemütsmensch von Hund. Liebt Musik. Ruht in sich selbst. Und unter Tisch der Musiker. Bleibt dort stundenlang liegen. Was keinen stört. Nicht einmal die Musiker. Hebt nur leicht den Kopf, als plötzlich Handy klingelt. Ist das vom Gitarrero. Mitten im Liedvortrag. Macht ernstes Gesicht. Der Gitarrenspieler, nicht Robot. Sein Eheweib? Ärger im Job? Halb eins am Morgen. Hat noch Zeit bis Arbeitsbeginn. Oder was auch immer er heute vorhat.

Hebt manchmal Stimme kräftig an. Gerade so, als ob gleich Revolutionslied anstimmen würde. Von 1989? Václav Havel hängt schon an der Wand. In Holz gerahmt. Der Dichter-Präsident. Grau-schwarz gestreiftes Hemd mit vierstelliger Nummer. Könnte seine Sträflingskleidung im Gefängnis Pankrác gewesen sein.

Hochgerollte Ärmel, rechter Unterarm tätowiert, Yin-Yang-Muster, darauf beidseits„Prezident“. Macht mit links berühmtes V-Zeichen. Darunter rosafarbenes T-Shirt mit heraushängender Rolling-Stones-Zunge. Lächelt vieldeutig. War vielleicht mal Cover eines Underground-Magazins.

Raum erfüllt wohliges Gefühl. Von der Sorte: Leben ist schön! Bei Musikern. Bei Trinkern. Gerade jetzt. Gerade hier. Schade, dass Franta, der Theker, nicht mitsingt. Mit seiner tiefen Stimme.
 
Ondřej erklärt mir wieder sein Land. Was Tschechen gerne machen. Wenn sich endlich mal jemand dafür interessiert. In allen Details. Sogar Umweltschutz. „Kein Volk in Europa trennt Müll so exakt wie wir“, jubelt er. Warum sich tschechische Grüne dann so schwer tun, ins Parlament zu kommen, will ich wissen. Nicht einmal 1,5 Prozent bei Wahl im Herbst 2017. „Scheiß Personal“, befindet Ondřej. „Personal ist scheiße.“

Spricht ohne Punkt und Komma. Bis selbst der gutwilligste Freund der Tschechischen Republik nicht mehr zuhören mag. Beziehungsweise kann.

 




Lesen Sie auch Prager Kneipennächte (Teil 3)


 

 

Fotos: khan, APZ

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