14. Dezember 2017,

Von Käfern und Jeanshosen

Nicht auf den ersten Blick zu erkennen: Unter dem Sockel krabbelt Gregor Samsa aus der Erzählung „Die Verwandlung“.

25. 05. 2016

František Kandler war einmal Militärmusiker. Jetzt führt er Besucher auf Kafkas Spuren durch die Stadt

Es ist kalt, es ist nass und es windet. Olivier bringt es auf den Punkt: „Das Prager Wetter ist geradezu kafkastrophal.“ Er ist einer von 19 französischen und deutschen Abiturienten, die den widrigen Bedingungen trotzen und an einer thematischen Stadtführung über Leben und Werk Franz Kafkas teil­nehmen. „Der Rahmen stimmt aber: In Kafkas Büchern schien auch nie die Sonne“, ergänzt František Kandler, der stets an einem emporgestreckten Spielzeug-Lichtschwert zu erkennen ist.

Bevor Kandler Fremdenführer wurde, war er als Militärmusiker in Prag stationiert. Mit der deutschen Sprache und Literatur kam er damals nur wenig in Kontakt. „Man lernte eher Russisch. Und gelesen wurden Werke aus dem Sozialistischen Realismus“, erinnert sich der 53-Jährige. Nach der Samtenen Revolution belegte er Deutschkurse, fand Gefallen an der Prager deutschen Literatur und bald darauf zu seiner Berufung. Erste Erfahrungen als Stadtführer sammelte er Mitte der Neunziger. Mittlerweile bietet er auch Touren in Brünn und Südböhmen an. „Für mich gibt es nichts Schöneres: Man muss sein Geld nicht im Büro verdienen und hat immer interessierte Zuhörer“, sagt Kandler. „Na ja, fast immer. Manchmal entspricht das, was ich vorbereitet habe, nicht ganz den Erwartungen.“

Diesmal interessieren sich die Zuhörer besonders für Kafkas Werke und den Alltag auf der „anderen Seite“ des Eisernen Vorhangs. Denn damit werden sich die französischen und deutschen Oberstufenschüler aus der Nähe von Paris in den Abiturprüfungen auseinandersetzen.

Nicht auf den ersten Blick zu erkennen: Unter dem Sockel krabbelt Gregor Samsa aus der Erzählung „Die Verwandlung“.

Startpunkt der Tour ist der Neue Jüdische Friedhof, auf dem Kafka seine letzte Ruhestätte fand. Kandler verweist darauf, dass männliche Besucher eine Kopfbedeckung tragen müssen. „Kapuzen und Mützen gehen auch“, sagt er. Wer keine hat, muss eine Kippa ausleihen. An Kafkas Grab angekommen, erzählt Kandler von den im Holocaust ermordeten Schwestern, der freundschaftlichen und geschäftlichen Beziehung zu Max Brod sowie der Verlobung mit Felice Bauer – und er trägt einen  Brief vor, den Kafka 1917 erhielt. Der Verfasser, ein gewisser Dr. Siegfried Wolff, bittet den damals noch relativ unbekannten Autor, seine Erzählung „Die Verwandlung“ zu erklären. Er habe sich zwar „Monate hindurch im Schützengraben mit dem Russen herumgehauen und nicht mit der Wimper gezuckt“, schreibt Wolff. Doch er könne es nicht verkraften, dass er nicht in der Lage ist, seinen Cousinen zu erklären, worum es in diesem Werk geht.

„Wir haben zu viel erwartet“
Kandler gelingt es, den Bogen von Kafka zum Alltag in der Tschechoslowakei zu spannen. Er berichtet von verbotenen Jeanshosen und davon, dass man Brot nur an zwei Tagen pro Woche kaufen konnte – aber auch vom ausgeprägten Gemeinschaftsgefühl, das er heute ein wenig vermisse. An die Veränderungen, die mit der Samtenen Revolution einhergingen, erinnert er sich mit gemischten Gefühlen. „Wir haben uns einiges erhofft, doch es ist viel versprochen und gelogen worden. Wir haben einfach viel zu viel erwartet“, gesteht der Prager. Den Schülern gefällt der Wechsel von Kafka zum Alltag in der Tschechoslowakei. „Das Leben im Kommunismus ist für uns weit entfernt. Jetzt kann ich es mir aber viel besser vorstellen“, sagt die 17-jährige Pola.

In der Franz-Kafka-Buchhandlung könnte man sich dessen Werke zum Nachlesen kaufen – falls sie geöffnet hat.

Nächstes Ziel der Gruppe ist das Kafka-Denkmal zwischen der Heilig-Geist-Kirche und der Spanischen Synagoge in der Josef­stadt. Ein Abstecher in die Franz Kafka-Buchhandlung muss vorerst entfallen. Sie öffnet erst in zehn Minuten wieder, steht auf einem Schild an der Tür. Genug Zeit also, um den Käfer zu suchen, der am Kafka-Denkmal auf Gregor Samsa aus der Erzählung „Die Verwandlung“ hinweist. Es dauert nicht lange, bis die Schüler die auf den Pflastersteinen unterhalb des Sockels aufgemalten Insektenbeine entdecken.

Zu Gast im Montmartre
Nachlesen könnte man die Geschichte von Gregor Samsa jetzt vielleicht in der Buchhandlung – inzwischen sind bereits mehr als zehn Minuten vergangen. Doch die Tür ist noch immer geschlossen. „Vielleicht dauern tschechische Minuten länger“, scherzt Kandler. Aber er ärgert sich, denn es sei nicht das erste Mal, dass er mit einer Gruppe vor dem verschlossenen Laden stehe. Weiter geht die Tour zum Altstädter Ring, wo die Zuhörer von Kafkas Lehrjahren erfahren. Doch die Aufmerksamkeit der Schüler lässt nach. Es ist mittlerweile noch kälter, noch nasser und noch windiger als zu Beginn der Führung. Kandler schlägt einen Abstecher ins Café Montmartre vor. Gaststätten, die mit Namen und Gesicht des berühmten Schriftstellers werben, meidet er: „Da ist es häufig viel zu teuer. Und es fehlt die gewisse Atmosphäre“.

Das Montmartre in der Ketten­gasse (Řetězová) bietet innen ein ungewöhnliches Bild. Denn während es anderswo in der Altstadt häufig bunt und laut zugeht, dominieren im 1911 errichteten Montmartre alte Holz­möbel, wenig Kundschaft und nur unzureichend verputzte Wände – aber auch Charme. Die auf der Speisekarte aufgeführte Gästeliste kann sich sehen lassen. Kafka und Egon Erwin Kisch besuchten das Montmartre ebenso wie der Dichterpräsident Václav Havel. Kandler zitiert erneut – diesmal aus wenig romantischen Liebesbriefen, die Kafka seiner Verlobten schrieb.
Für den französischen Abiturienten Olivier ist es ein wenig schwierig, einem Tschechen zuzuhören, der aus einem deutschsprachigen Buch liest. „Aber ich setze einfach die einzelnen Wörter zusammen und am Ende kommt dann schon irgendwie ein Satz heraus.“ Trotz Sprachbarriere und widriger Bedingungen ist es für die Schüler doch keine kafkastrophale Stadt­führung geworden.


Wer auf Kafkas Spuren wandeln will, kann sich per E-Mail an kandlerfrantisek@seznam.cz wenden.

Text und Fotos: Helge Hommers

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