15. Dezember 2017,

Das Ende der Kohlezeit

Seltener Anblick: Die Zentralheizung einzuschalten ist bequemer, als Kohle zu schleppen.

24. 11. 2016

Kaum jemand heizt noch mit den schwarzen Briketts. In Prag steht einer der letzten Händler vor dem Aus

Zdeněk Janda sieht ein bisschen aus, als käme er aus einer anderen Zeit. Der 66-jährige Prager könnte eine Mischung aus einem Piraten und dem guten Soldaten Schwejk sein. Zu diesem wilden Erscheinungsbild passt der Werbespruch, der auf der Webseite seines Betriebes „Janda & Červ“ prangt: „Nichts ist unmöglich.“ Nur weiß man nicht so recht, ob er sich dabei eher selber Mut zuspricht oder es wirklich ernst meint. Denn während Kohle als Brennstoff in der Industrie immer noch von Bedeutung ist, heizen private Haushalte kaum mehr damit ein.

Was gut für die Umwelt ist, führte in den vergangenen 25 Jahren zum Aussterben der kleinen bis mittelgroßen Heizkohlehändler. Auch Janda kämpft ums wirtschaftliche Überleben. Seine wenigen Prager Konkurrenten kann er an einer Hand abzählen.

Vor 20 Jahren sah es anders aus. Janda machte mit Kohle konstant zwischen 30 und 40 Millionen Kronen Umsatz im Jahr. Seit Januar 2016 seien es nicht einmal drei Millionen“, erklärt der Geschäftsmann. Maximal könne er noch auf 3,5 Millionen (130.000 Euro) kommen; das reiche gerade, um sich selbst und einem Lageristen den Lohn auszubezahlen. Im Vertrieb hilft bei Bedarf ein Freund aus. In den Blütezeiten lieferten bis zu 17 Lastwagen Kohle an Kleinbetriebe und Haushalte in ganz Prag und Umgebung, rund 50 Angestellte zählte die Firma damals. Vielleicht auch deswegen steht noch ein Spruch auf Jandas Internetseite: „Besser war es schon“ – die Umkehrung des Versprechens einer besseren Zukunft.

Zdeněk Janda

Vor der Wende war Braunkohle lange der wichtigste Heizstoff für private Haushalte. Doch inzwischen dominieren Gas und Zentralheizung. Die letzte große Erhebung wurde bei der Volkszählung 2011 gemacht. Dabei gaben 346.000 Haushalte an, noch zumindest teilweise mit Kohle zu heizen. Das waren rund 40 Prozent weniger als 2001. Aktuelle sprechen Branchenkenner von einer stetig abnehmenden Kundschaft.

Das kann auch Ivo Šarlingr bestätigen, Chef der Firma Palivo Pavlíkov nahe Rakovník rund 30 Kilometer westlich von Prag. Das Familienunternehmen verkauft heute etwa 35 Prozent weniger Kohle als noch vor fünf Jahren. Daneben vertreibt es auch andere Brennmaterialien sowie Baumaterial. „Der Fokus liegt immer mehr auf Gas und neuen Heizmethoden“, so Šarlingr. Dazu zählen unter anderem Photovoltaikanlagen. Außerdem würden bessere Techniken beim Hausbau zu geringerem Brennstoffverbrauch führen. Milde Winter wie zuletzt sind ebenfalls schlecht fürs Geschäft.

Ratlose Erben
Deshalb verlagern Unternehmen wie das von Šarlingr ihre Tätigkeit auf andere Betriebsfelder. Auch Zdeněk Janda bessert seine Einkünfte auf, indem er leerstehende Lagerräume vermietet und Gas und Holzscheite verkauft. Letzteres aber in bescheidenem Ausmaß. „Meist kommen nur ältere Leute vorbei. Junge und Neukunden habe ich so gut wie keine“, so Janda. „Höchstens mal, wenn jemand ein kleines Häuschen von den Großeltern geerbt hat. Die jungen Familien ziehen dann ein, erkundigen sich, was sie mit dem Kohlenofen anfangen können und lassen schließlich doch lieber eine Zentralheizung einbauen.“

Die Preise für Kohlebriketts, Holzkohle und Koks sind zuletzt etwas gestiegen. Ein Zentner Braunkohlebriketts kostet etwa 340 bis 360 Kronen (12,60 bis 13,30 Euro), was einer leichten Zunahme gegenüber dem Sommer entspricht.

Bei Janda ersteht der Kunde einen Zentner zur Zeit für 350 Kronen. Der leichte Anstieg ist indes nichts Ungewöhnliches, wenn der Winter vor der Tür steht. Vor einem Jahr gab es zwischen September und November in Tschechien sogar landesweit Lieferengpässe. Auf eine steigende Nachfrage deutet die Preisentwicklung jedenfalls nicht hin.

Wachsendes Interesse an seinem Produkt nimmt Janda nur jedes Jahr Anfang Dezember, kurz vor dem Nikolaustag wahr. „Dann kommen die Eltern, um nach einzelnen Kohlestücken zu fragen. Damit malen sie sich als Knecht Ruprecht an.“ Allerdings verlange er dafür nichts bis nur sehr wenig, erklärt Janda mit einem Lächeln. Sein Geschäft rettet das nicht. Er überlegt sich nun erstmals, die Tore seines Unternehmens nach dem Winter für immer zu schließen. Es lohne sich einfach nicht mehr, sagt er. Der alte Pirat ist müde geworden.

Text: Stefan Welzel, Foto: APZ, privat

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