14. Dezember 2017,

Rätsel Rosický

Tomáš Rosický bejubelt im Mai 2015 den Gewinn des FA Cup.     © CC BY 2.0 - joshjdss

26. 11. 2017

Im Oktober wurde Tomáš Rosický 37 Jahre alt. Und er spielt immer noch. Das heißt, eigentlich spielt er kaum noch. Stellt sich die Frage: Warum spielt er überhaupt noch?

 

Es gibt schon einen ersten „Nachruf“ auf ihn. Und der ist alles andere als freundlich. Emmanuel Adebayor erinnerte sich gerade an seine Zeit bei Arsenal London. Und an seinen früheren Mitspieler aus Tschechien. „Chelsea hatte Essien und Ballack im Mittelfeld und wir hatten Tomáš Rosický“, blickte der Nationalspieler aus Togo zurück, „und wenn man ihn nur fragte, wie es ihm geht, war er anschließend zweieinhalb Monate verletzt.“ Adebayor spielte von Januar 2006 bis Sommer 2009 gemeinsam mit Rosický für die Gunners. Noch heute ärgert er sich über ihn und die damalige Mannschaft. „In Spielen gegen kleine Gegner kann Talent den Unterschied machen. Aber mit Kindern gewinnst du nicht im Old Trafford“, befand Adebayor knallhart.

Was der Stürmer von sich gab, könnte man als übles Nachtreten bezeichnen. Sein drastischer Seitenhieb auf die damals schon hohe Verletzungsanfälligkeit von Rosický unterstreicht jedoch eine Frage, die immer aktueller wird. Nämlich: Warum tut sich Tomáš Rosický bei seiner Krankheitsakte nicht selbst den Gefallen, endlich seine Schuhe an den Nagel zu hängen – mit Rücksicht auf seine eigene Gesundheit?

Mühselig, fast schon bemitleidenswert schleppt sich Rosický durch die Saison in der tschechischen Liga. Lediglich in neun der ersten 14 Saisonspiele stand er für Sparta Prag auf dem Platz. Davon überstand er nur einmal die volle Spielzeit. Oft reichten seine Kräfte nicht einmal mehr für eine halbe Stunde: lediglich 19 Minuten gegen Bohemians, 26 in Mladá Boleslav, 24 in Liberec, 29 bei Dukla, 28 gegen Pilsen. Im August plagte ihn zwei Wochen lang eine Angina, im September wieder einmal ein Muskel, in den ersten November-Wochen stand er überhaupt nicht im Sparta-Kader. Der einst so begnadete Mittelfeldstratege kann heute nur noch von Partie zu Partie planen und nicht mehr für eine komplette Saison.

Schon vor 15 Jahren stand Rosický im Zenit seines Könnens. 2002 sicherte er Borussia Dortmund, gemeinsam mit Landsmann Jan Koller, quasi in letzter Sekunde die Deutsche Meisterschaft und spielte zudem das UEFA-Cup-Finale. Hätte Dortmund damals nicht mit 2:3 gegen Feyenoord Rotterdam verloren, hätte der Prager seinen einzigen internationalen Titel feiern können.

Mit 20 Jahren wechselte Rosický von Sparta Prag zu Borussia Dortmund.

Rosický kam im Januar 2001 ins Revier, für ihn und Koller schnürte Dortmund ein 50-Millionen-Mark-Paket. Fans beäugten den schmächtigen Mittelfeldspieler anfangs skeptisch. Man riet ihm freundschaftlich, mal ein dickes Schnitzel zu essen, um zu Kräften zu kommen. Den ungeliebten Spitznamen wurde er nicht mehr los. Vor allem wegen „Schnitzel“ erlebte die Borussia jedoch 2002 ihren Prager Frühling. Der Tscheche galt schon mit Anfang 20 als einer der großen Spielmacher in Europa und war ganz nah an der Weltklasse, wie sein Trainer Matthias Sammer urteilte. Nur noch etwas torgefährlicher müsse er werden. Tatsächlich erzielte Rosický beim BVB in 149 Spielen nur 20 Treffer. Dafür bereitete er unzählige für seine Stürmer vor.

Deshalb holte ihn der FC Arsenal im Jahr 2006 auf die Insel. Entscheidend dafür war auch der positive Eindruck, den Rosický bei der EM 2004 in einer überragend spielenden tschechischen Mannschaft hinterlassen hatte. Arsenals Anhänger kreierten den Song „Super super Tom“, um ihn für manchen Glanzauftritt zu feiern. Davon gab es trotz zweier Pokalsiege 2014 und 2015 aber nicht allzu viele. Rosický bestritt in seinen zehn Londoner Jahren lediglich 170 Spiele (19 Tore) und fehlte somit bei mehr als der Hälfte aller Partien. Denn seine Verletzungen, mit denen er schon während seiner Dortmunder Jahre zu kämpfen hatte, verstärkten sich in England.

Transfermarkt.de schreibt längst eine Verletzungshistorie über ihn fort. Sie beginnt mit Knieproblemen, die von Januar 2008 bis April 2009 über mehr als ein Jahr andauerten. Eine Achillessehnen-OP im Jahr 2012 setzte ihn 158 Tage außer Gefecht, eine Knieoperation 2015 sogar 220 Tage. Gleich danach musste er wegen einer Muskelverletzung 63 Tage pausieren. Dann ereilte ihn ein Muskelfaserriss. Ein Einriss dort kostete ihn zwischen September 2016 und März 2017 volle 168 Tage. Schon am nächsten Tag gab es Probleme mit der Achillesferse und weitere 88 Tage Pause – soweit nur seine gravierendsten Ausfallzeiten.

Macht unterm Strich: 304 Verletzungstage allein in der Saison 2015/16 und 256 Tage in der folgenden Spielzeit 2016/17. „Das ist immer wieder frustrierend für mich, vor allem auch, weil es so viel Kraft und Nerven kostet, wieder zurückzukommen“, kommentierte Rosický seine Sorgen vor einiger Zeit. Mit bewundernswerter Energie bemühte er sich stets um Anschluss. Wie andere Fußballstars. Etwa der deutsche Nationalspieler Sebastian Deisler von Bayern München – bis er eines Tages daran beinahe seelisch zerbrochen wäre.

Rosický spielte zehn Jahre lang für Arsenal London.   © CC BY 2.0, Ronnie Macdonald

Rosickýs Leidensgeschichte wirkte sich auch auf die Nationalelf aus. Als die tschechische Elf bei der EM 2012 im letzten Vorrundenspiel gegen Gastgeber Polen ins Viertelfinale einzog, fehlte ihr Kapitän Rosický bereits wieder verletzt. Schon danach munkelte man, dass er über eine Fortsetzung seiner Karriere in der Nationalmannschaft nachdenke. „Ich hatte einige Probleme mit meiner Gesundheit und brauche ein bisschen Zeit, um darüber nachzudenken, was für mich das Beste ist“, sagte der 31-Jährige nach dem Turnier. Rosický blieb und trug bei der EM 2016 erneut die Hoffnungen der ganzen Nation – fiel aber bald mit einem Muskelfaserriss aus. Ohne ihren Anführer verpassten die Tschechen das Achtelfinale. Er wolle nach der EM „in Ruhe analysieren und schauen, wie es weitergeht“, gab Rosický danach zu Protokoll.

Er ist der Letzte aus der Goldenen Generation. Seit den Rücktritten von Pavel Nedvěd und Karel Poborský liegt die Last des Auswahlteams allein auf seinen schmalen Schultern. „Wenn er gut spielt, spielt die Mannschaft gut“, fasste der ehemalige Hamburger Verteidiger Tomáš Ujfaluši schon im Oktober 2007 zusammen. „Ich liebe mein Land“, erklärte Rosický öfter. Wohl auch deshalb verteidigen heimische Kommentatoren das Idol und dessen Unentschlossenheit, seine Karriere in Verein und Nationalteam zu beenden. Er habe eben großen Spaß am Fußball und liebe Sparta, nachdem er dort schon 1999 und 2000 tschechischer Meister wurde, nehmen sie ihn in Schutz. Selbst Fans von Sparta-Gegnern applaudieren ihm, wenn er ein- oder ausgewechselt wird, wie kürzlich in Jablonec. Warum solle diese große Persönlichkeit also aufhören, fragen tschechische Experten, zumal Rosický immer noch der Beste in der heimischen Liga sei.

Deutsche Kommentatoren sehen seine Beharrlichkeit deutlich kritischer. Als Arsenal in der Champions League bei Bayern München im März 2013 mit 2:0 gewann, war Rosický für „Die Welt“ nur noch ein Schatten seiner selbst. Weshalb sie fragte: „Was ist nur aus dem großen Rosický geworden?“ Dass er nach der EM 2016 nicht endlich die Reißleine zog und zurücktrat wie Torwart Petr Čech (damals 35) oder Jaroslav Plašil (34), verwunderte die „Süddeutsche Zeitung“. Rosický habe „seine Zukunft längst hinter sich, als Hoffnungsträger für die Nationalmannschaft taugt er nicht mehr, auch wenn viele das noch nicht wahrhaben wollen“, entgegnete ein Reporter tschechischen Illusionen.

Stars anderer Länder gehen zum Ausklang ihrer Karriere oft in die Ligen zweitklassiger Fußball-Nationen, um noch einigermaßen mithalten zu können. Vor wenigen Wochen kündigte der italienische Weltmeister Andrea Pirlo sein Karriereende in den USA an, nachdem sein Knie endgültig keinen Knorpel mehr hat. Auch David Villa und Bastian Schweinsteiger erhalten dort ihr Gnadenbrot. Alternde tschechische Profis kehren dagegen gerne in ihre Heimat zurück, wenn sich im Ausland kein Geld mehr verdienen lässt. Oder wenn sie genug verdient haben. Oder keinen Vertrag mehr bekommen, wie Rosický bei Arsenal, nachdem er zuletzt kein einziges Erstligaspiel mehr absolvieren konnte. Ein weiterer Beweis für die geringe Qualität von Tschechiens höchster Spielklasse.

Bei Sparta empfing man 2016 den verlorenen Sohn mit offenen Armen. Trotz seiner großen Erfahrung bringt er den Traditionsklub seitdem jedoch weder national noch international weiter. In den beiden Qualifikationsspielen für die Europa League 2017/18 wirkte Rosický gegen Roter Stern Belgrad insgesamt gerade mal 24 Minuten mit. Und Sparta hat auch in dieser Spielzeit wieder keine Chance auf den Meistertitel.

Rosický vor einem seiner letzten Einsätze für Arsenal London im Januar 2016   © CC BY 2.0, joshjdss

Tomáš Rosický war zu seinen besten Zeiten ein Mann für die besonderen Momente auf dem Rasen. Sie sind längst rar geworden, doch noch erinnert man sich daran. Matthias Ginter, 2014 im Kader der deutschen Weltmeister, bezeichnete ihn beim BVB als sein Vorbild. Für Arsenals Trainer Arsène Wenger – Gentleman wie immer – war es „ein Privileg, mit ihm so lange zusammenzuarbeiten“. Deutschlands größtes Talent Joshua Kimmich gab an, sein erstes Trikot sei von Tomáš Rosický gewesen. Weltmeister Stefan Reuter nannte Rosický 2015 in einem Interview mit der „Prager Zeitung“ einen „Super-Typen“ in Dortmund. Für seinen Landsmann Theo Gebre Selassie ist der 105-malige Nationalspieler der beste tschechische Spieler der letzten Jahre. „Auch heute noch, wenn er gesund ist“, so der Bremer. Das ist er jedoch kaum noch.

Schon vor längerer Zeit deutete Rosický an, Fragen nach seinem Gesundheitszustand nicht mehr hören zu können. „Jetzt müssen es die Jungen richten“, zeigte er nach seinem Ausfall bei der EM 2016 vermeintlich erste Anzeichen von Einsicht. Allerdings galt dies nur für das entscheidende Spiel gegen die Türkei. Offenbar will er noch immer am Ball bleiben. „Für mich ist das keine Frage des Alters, sondern wie ich mich fühle“, erläuterte er einmal. Wie er sich derzeit fühlt, will er nicht kundtun. Rosický wurde in seinen Glanzzeiten ein „Mozart des Fußballs“ genannt. Wie viele Ballkünstler gilt er als launisch, vor allem gegenüber Medien. Vor dem Länderspiel zwischen Tschechien und Deutschland am 1. September war er wegen einer Angina nicht zu sprechen. Verständlich, doch sechs Wochen später ließ Rosický den Sparta-Pressesprecher Ondřej Kasík ausrichten, dass er wegen vieler Verpflichtungen mit Sponsoren weiterhin keine Zeit für ein Gespräch habe. Auf Anfrage teilte der deutsche Sportartikelhersteller Puma, ein Hauptsponsor von Rosický, jedoch mit, dass er bestenfalls noch kleinere Marketing-Termine mit ihm in seiner Heimat veranstaltet.

Im Sommer 2018 endet Rosickýs Vertrag bei Sparta. Man würde Tschechiens Fußballer der Jahre 2001, 2002 und 2006 wünschen, den Absprung noch rechtzeitig zu schaffen. Damit er tatsächlich als Idol in die Annalen eingeht und nicht als ein Spieler, der früher einmal Tomáš Rosický war.

 

Text: Klaus Hanisch

^ nach oben