14. Dezember 2017,

Die gefallenen Löwen

Seit anderthalb Jahren gehören halbvolle Ränge zum Alltag bei Spielen des HC Slavia Prag.

08. 12. 2016

Der HC Slavia Praha war eine feste Größe im tschechischen Eishockey – bis 2015 der Sturz in die Zweitklassigkeit kam. Ein Besuch im Eden-Stadion

Der Winter hält Einzug in Prag. Ende November ist es schon ziemlich kalt – ideales Wetter, um sich ein Eishockey-Spiel anzuschauen. Viele einheimische Fans und manche Touristen zieht es in die O2-Arena im Prager Osten, wo der HC Sparta einmal mehr um dem Titel spielen wird. Vorerst aus solchen Höhen verabschiedet hat sich der zweifache tschechische Meister HC Slavia Prag. Bis zum März 2015 kämpfte der Klub noch selbst in der O2-Arena um Punkte. Es folgten der Abstieg in die zweite Spielklasse, ein Korruptionsskandal um Trainer und Sportchef Vladimír Růžička sowie der Umzug in das Eden-Stadion in Vršovice.

Der 27. Spieltag der WSM-Liga steht an. Die Partie an diesem Mittwochabend verspricht spannend zu werden: Der auf dem dritten Rang liegende HC Slavia Prag empfängt den Spitzenreiter ČEZ Motor aus České Budějovice. Das Topspiel der Liga, da erwartet man einen riesigen Andrang, vor allem von Seiten der Slavia-Fans. Doch das Interesse hält sich in Grenzen. Lange Schlangen beim Einlass gibt es nicht. Um günstige Karten für gute Plätze braucht man sich keine Sorgen zu machen. Davon sind auch kurz vor Spielbeginn noch genügend zu haben.

Die riesigen Wimpel unter dem Hallendach verweisen auf die Meisterschaften in den Jahren 2003 und 2008. Als Kapitän führte der langjährige NHL-Profi Josef Beránek die „Löwen“ an. Als Cheftrainer an der Bande stand bei beiden Titelgewinnen Vladimír Růžička – wie Beránek einer der Olympia-Helden von Nagano 1998. Die Heimspiele in der fast 18.000 Zuschauer fassenden O2-Arena glichen Festspielen.

Doch die großen Jahre sind vorbei. Wenig ist geblieben vom Glanz jener Tage. Für treue Anhänger habe sich „im Grunde aber nichts verändert“, teilt der Fanverband auf Anfrage mit. Der Sprecher verweist auf das Fan-Kollektiv und möchte nicht namentlich genannt werden. Es folgen die zu erwartenden Floskeln, die in der Sportwelt oft zitiert werden. Dazu gehört auch die Feststellung, dass „echte Fans in guten wie in schlechten Zeiten zu dem Verein halten“. Doch dann lässt ein Satz aufhorchen: „All diejenigen, die nur dann kommen, wenn es gut läuft, sind nicht mehr da.“ Zwischen diesen Zeilen versteckt sich die stille Zufriedenheit über das Fernbleiben ungeliebter „Modefans“, die nur auf Erfolge aus sind.

Beim Spiel gegen České Budějovice hört es sich so an, als ob deutlich mehr Anhänger des Gästeteams gekommen sind. Sie sorgen für die gute Stimmung, nicht unbedingt die „Slávista“. Es muss früher also einige Mode­fans gegeben haben.
Und wer schaut sich an diesem kalten Novemberabend, mitten unter der Woche, ein Spiel des zweitklassigen HC Slavia Prag an? „Das ist ziemlich unterschiedlich“, so der Sprecher der Fans. Vom Topmanager bis zum Lagerarbeiter sei jede Berufsgruppe vertreten. Beim Besuch im Stadion fällt auf: Auch viele Familien sind anwesend. Vor allem Kinder und Jugendliche tragen das Trikot ihres Vereins.

Beim Blick in die nicht sonderlich gut gefüllte Slavia-Fankurve fallen auch einige kahl Rasierte mit Bomberjacken und Militärhosen auf. Auf den anderen Tribünen herrscht eher die Stimmung, die man bei einem Schülerturnier am Sonntagnachmittag erwarten würde. Die Väter sitzen zusammen bei Glühwein, Wurst und Bier, die Kleinen knabbern Chips und trinken Cola. Beim Anstimmen der Slavia-Hymne kurz vor dem Spiel herrscht aber plötzlich lautstarke Eintracht auf allen Rängen.

„Wirklich harte Jungs“
Die Partie fängt für Salvia gut an. Das Team geht in der siebten Minute in Führung. Man hört zufriedenes Gemurmel und ein paar unterstützende Zurufe, die von Sprechchören aus der Fankurve abgelöst werden.

Für einen Eishockey-Laien lässt sich kaum erschließen, ob das Spiel für hiesige Verhältnisse ein hohes Niveau aufweist oder nicht. Die Fähigkeiten der Cracks auf dem Eis, die genauen Zuspiele, die Sprints und Bodychecks ziehen den Betrachter schnell in den Bann. „Dynamik, Schnelligkeit und Kampfgeist machen das Eishockey zu etwas ganz Besonderem. Im Stadion entsteht dadurch eine einmalige Atmosphäre, der sich keiner entziehen kann“, erklärt der Fanvertreter die Faszination. Außerdem halte man nichts von diesen „Waschlappen auf dem Rasen“, die „wirklich harten Jungs“ spielen auf dem Eis.

Die „Löwen“ haben das Spiel lange gut unter Kontrolle. Dem Ausgleich folgt der erneute Führungstreffer. Doch im letzten Drittel drehen die Gäste auf. Para­llel dazu fällt die Stimmung der Slavia-Fans in den Keller. Immer mehr Anhänger machen ihrem Ärger lautstark Luft. Slavia setzt angesichts der knappen Zeit, die beim Stand von 2:3 noch bleibt, auf volles Risiko und wechselt gleich für mehrere Spielzüge den Torwart für einen weiteren Feldspieler aus. Das geht allerdings nach hinten los – České Budějovice entscheidet die Begegnung mit 5:2 für sich.

Viele Fans verlassen schon vor dem Schlusspfiff das Stadion. Die Stimmung ist gedrückt, da hilft auch kein Glühwein mehr. Was wünschen sich die Fans für ihren Verein in Zukunft? Wovon träumen sie? Von der Extraliga? Eine dritte Meisterschaft? Nichts dergleichen. Für den Fansprecher ist das wichtigste, „schönes Eishockey zu sehen. Es muss nicht zwingend die höchste Klasse sein“. Und genau so wichtig sei es, dass der Verein von „echten, treuen Slávista“ getragen und unterstützt werde. Früher oder später würde Slavia schon „wieder zur alten Stärke zurückfinden“. Der Wunsch, wieder ganz oben mitzuspielen, bleibt also. Spätestens dann dürften aber die ungeliebten Erfolgsfans auch wieder mit von der Partie sein.

Text und Foto: Felix Wnuck

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