14. Dezember 2017,

Stahlwerk, Strand und Science Fiction

„Rost schläft nicht“, ist auf dem Industriegelände Dolní Vítkovice zu lesen – und zu spüren.

07. 09. 2016

Eine Reise durch die Kreise – Teil 4: Auf den Spuren von Bergbau und Hipstern im mährisch-schlesischen Ostrava

Ein Wochenende in Ostrava? Der Plan stößt in Prag auf gemischte Reaktionen. „Oh, wie schön!“, ruft eine Bekannte. „Aber hässlich!“ Jeden Sommer lockt „Colours of Ostrava“, eines der größten tschechischen Musikfestivals, auch zahlreiche Besucher aus der Hauptstadt in den Mährisch-Schlesischen Kreis. Abgesehen davon kennen viele aber nur die Bilder der Stadt im Smog. Im Reiseführer sucht man die Region um Ostrava vergeblich in der Rubrik „Top-Ziele in Böhmen und Mähren“.

Die schönen Landschaften sind verschwunden, als der Zug in den Bahnhof Ostrava-Svinov einfährt. Durchs Fenster sind vor allem Plattenbausiedlungen zu sehen. Zur Straßenbahn­haltestelle führt ein langer, grauer Aufgang aus Beton. Auf den Stufen verkündet ein großer Aufkleber in englischer und arabischer Sprache: „Flüchtlinge nicht willkommen!“

Wer abends hungrig in der Stadt ankommt, hat erst einmal ein Problem: Die meisten Lokale schließen bereits um sieben Uhr. Geöffnet haben die Kneipen in der Stodolní-Straße, der „Party-Meile von Ostrava“, wie sich sogar bis nach Prag herum­gesprochen hat. Am Freitagabend grölen dort die Feiernden und stolpern betrunken von Bar zu Bar. Aus den etwa 60 Klubs dröhnt Musik, als gäbe es einen Wettbewerb, wer am lautesten auflegen kann.

Der Rest der Stadt wirkt verlassen. In einigen Straßen mitten im Zentrum gehen die Laternen nur an, wenn jemand am Bewegungs­melder vorbeigeht. Ohne Tipps von Einheimischen oder aus dem guten Reise­führer wäre man jetzt aufgeschmissen. Doch mit dieser Hilfe wird man fündig. In der Stadt verstreut und oft ein bisschen versteckt gibt es stilvolle Cafés und Restaurants, die abends um zehn noch Essen anbieten, und Bars für Hipster, die auch in Prag gut ankämen.

Das Zentrum ist hübsch, aber wo sind all die Menschen am Sonntag?

Ungewisse Zukunft
Auf dem Nachhauseweg in den frühen Morgenstunden sind etwas unheimliche Motoren­geräusche aus der Richtung der stillgelegten Eisenwerke „Vítkovick­é železárny“ zu hören. Im 19. und 20. Jahrhundert waren sie eines der wichtigsten Unternehmen der mährischen Schwerindustrie. Sie förderten Kohle, erzeugten Roheisen, veredelten und verarbeiteten Stahl und bauten Maschinen. Noch heute prägen die Anlagen das Stadtbild – manche nennen sie in Anlehnung an die Prager Burg sogar den „Hradschin von Ostrava“.

Bergbau wird in der Region noch immer betrieben, aber die Zukunft ist ungewiss. Das Unter­nehmen OKD, das einschließlich Zulieferern etwa 12.000 Menschen beschäftigt, hat im Mai dieses Jahres Insolvenz angemeldet. Im Jahr 2024 werde es im ganzen Kreis keinen einzigen Bergarbeiter mehr geben, heißt es im Plan für den Umbau des Unter­nehmens, mit dem sich in den vergangenen Monaten auch die Regierung in Prag immer wieder beschäftigt hat. Der schrittweise Stellenabbau ist für viele eine Katastrophe, denn die Arbeitslosenquote im Mährisch-Schlesischen Kreis ist mit 8,9 Prozent (2015) schon jetzt deutlich höher als in den meisten Regionen; für ganz Tschechien lag sie im vergangenen Jahr bei 6,6 Prozent.

Aus dem siebenten Stock eines Hochhauses im Südwesten der Stadt ist das etwa drei Kilometer vom Zentrum entfernte stillgelegte Stahlwerk gut zu sehen. Der Weg dorthin führt quer durch die angrenzende Plattenbausiedlung bis zum Industrieareal Dolní Vítkovice. Von 1828 bis 1998 wurde dort Roheisen produziert und Kohle gefördert. Es sieht aus, als habe man den Drehort für einen Science-Fiction-Film betreten. „Diese Industrie-Kulisse ist tatsächlich einzigartig“, sagt Karolína, die in der Stadt groß geworden ist. Einige Fabrik­gebäude verfallen langsam. Gras wächst zwischen alten Schornsteinen und Lasten­aufzügen. Die Stahlträger sind der Witterung ausgesetzt. „Rost schläft nicht“, steht auf einem Werbeplakat geschrieben.

Erstaunlich grün zeigt sich die Stadt von oben.

Einen Großteil des Geländes kann man auf eigene Faust erkunden, zudem werden Führungen angeboten. Die Teilnehmer müssen Helme aufsetzen und werden gefragt, ob sie Höhenangst haben. Einige nicken vorsichtig. „Einfach nicht nach unten schauen“, wird ihnen geraten, dann beginnt bereits die Fahrt mit dem Lastenaufzug. Zu Fuß geht es weiter auf den ehemaligen Hochofen. Ein Elternpaar schiebt den erwachsenen Sohn, der wegen der Höhe zu zittern beginnt, sanft, aber mit Nachdruck die Treppen aus Eisengitter hinauf.

Schwindelfrei sollten Besucher in Ostrava generell sein. Belohnt werden sie mit wunderbaren Ausblicken, zum Beispiel vom Rathaus­turm. Von dort kann man bis nach Polen sehen. Weil die Grenze mit dem Auto nur etwa eine halbe Stunde entfernt ist, weisen in Ostrava manche Schilder auch auf Polnisch den Weg. In einigen Läden kann man mit Złoty zahlen. Der erwartete Smog ist vom Rathausturm heute nicht zu sehen, in der Ferne ist es lediglich ein bisschen diesig. Doch Umweltprobleme belasten die Region noch immer. Die Luft ist schlechter als im Rest des Landes.

Image mit Ausrufezeichen
In Ostrava versucht man, dem schlechten Image mit Marketing entgegenzuwirken. Drei Ausrufezeichen hat sich die Stadt dafür als Logo einfallen lassen. Die werden nicht nur hinter den Stadtnamen geschrieben, sondern auch dort angebracht, wo sie nur bedingt angemessen erscheinen. So haben zum Beispiel die Polizei und die städtische Müllabfuhr die Ausrufezeichen ins Logo integriert.

Das Bild vom „hässlichen Ostrava“ bröckelt im Laufe des Besuchs auch ohne Ausrufe­zeichen, denn die Stadt ist trotz der industriellen Vergangen­heit erstaunlich grün. Der Fluss Ostravice fließt durch das Zentrum. Das Wasser ist klar, man kann sogar baden. Für Gäste, denen die Kulisse der Stadt nicht gefällt, gibt es auch Liege­stühle, die vor Fototapete mit Strandpanorama aufgestellt wurden. Im Zentrum liegt zudem der weitläufige Comenius-Park, nicht weit entfernt sind Natur- und Vogelschutzgebiete zu finden. Abends sind die Radfahrer zu sehen, die von ihren Ausflügen in die Umgebung zurückkehren.

Gemischte Aussichten: Zwischen Kirchtürmen und Bergkuppen liegen die Fabriken.

„Kultur wird kaum gefördert“
Christian aus Wien hat während seiner Studienzeit sieben Monate in Ostrava gelebt. „Die Menschen sind vielleicht etwas rauer, aber auch bodenständig“, schildert er seinen Eindruck. „Und Ostrava bietet ein über­raschend vielfältiges kulturelles Angebot.“ Eine zeitgenössische Kunstszene entwickelt sich, viele Projekte entstehen. In einem Teil der stillgelegten Eisenwerke haben Künstler ihre Ateliers eingerichtet. Regelmäßig finden Workshops, Theateraufführungen und Konzerte statt. Allerdings meint Christian auch: „Kultur wird kaum gefördert. Viele Künstler wollen daher weg.“

Im Zentrum erinnern sozialistische Denkmäler an die Bergbauvergangenheit. Der Weg führt vorbei an Jugendstilfassaden und Renaissancekirchen.

Am Sonntag ist es noch schwieriger, etwas zu Essen zu finden. Auch Läden, die laut Beschilderung jeden Tag und 24 Stunden lang etwas anbieten, sind geschlossen. Ein älteres Ehepaar steigt gerade aus dem Auto aus. Die beiden Einheimischen wundern sich, dass man mittags ein Restaurant sucht. Touristen treffen sie hier eher selten, erzählen sie. Sie selbst wollen in ein Café in der Innenstadt. Dann erinnern sie sich doch, dass es am Marktplatz vier Restaurants gibt. „Mehr fällt uns auch nicht ein.“ Das ist wenig für die an der Einwohnerzahl gemessen drittgrößte tschechische Stadt. Auf dem historischen Marktplatz sind kaum Menschen anzutreffen. Die Stühle vor den Restaurants sind fast alle frei.

Wo denn all die Menschen sind? Auf diese Frage muss Petra lachen. Sie arbeitet in einem Kulturzentrum. Die Tschechen unternehmen am Wochenende gerne Ausflüge, erzählt sie, das sei keineswegs ungewöhnlich. In Ostrava seien es aber acht von zehn Einwohnern, die der Stadt dann den Rücken kehrten. Hinzu kommen die Schul- und Semesterferien. „Wenn die Uni wieder anfängt, ist hier schon mehr los.“ Karolína ergänzt: „Das Stadt­zentrum ist zwar manchmal menschenleer, aber in letzter Zeit öffnen neue Geschäfte. Es wird hoffentlich besser dadurch. Ich bin froh, dass die Menschen hier nicht aufgeben.“





Moravskoslezský kraj
Fläche: 5.427 Quadratkilometer (Rang 6 von 14 Kreisen)
Einwohner: 1.213.311 (1. Januar 2016, Rang 3 von 14 Kreisen)
Kreisstadt: Ostrava (292.681 Einwohner, 1. Januar 2016)
Arbeitslosigkeit: 7,8 Prozent (31. Juli 2016, höchste Quote aller Kreise)

Text und Fotos: Milena Fritzsche

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