22. Januar 2018,

„Havel wäre entsetzt“

19. 12. 2017

Karel Schwarzenberg kritisiert am Todestag von Václav Havel die politischen Zustände in Tschechien

(Facebook-Eintrag vom 18.12.2017)


In letzter Zeit haben mich die Leute oft gefragt, was Václav Havel wohl zur aktuellen Situation bei uns sagen würde. Sie scheinen nach einem Orientierungspunkt zu suchen, wissen selbst nicht mehr, was sie von dieser seltsamen Entwicklung halten sollen, finden sich nicht mehr zurecht. Heute jährt sich der Todestag von Václav Havel zum sechsten Mal. Und die Frage, die ich von den Leuten so oft höre, stelle ich mir auch selbst. Ich befürchte, dass Václav Havel über die politische Entwicklung in unserem Land entsetzt wäre.

Auf den Fernsehbildschirmen sehen wir einen Ministerpräsidenten, bei dem (entsprechend der zugänglichen Unterlagen) kaum noch jemand daran zweifelt, dass er Mitarbeiter der Staatssicherheit war und der gemeinsam mit den Kommunisten und der faschistischen Bewegung SPD seinen Machtantritt verkündet. Die Zusammensetzung des Abgeordnetenhauses würde bei Václav Havel auf der einen Seite Wut auslösen. Auf der anderen Seite wäre er aber auch frustriert darüber, dass seine jahrzehntelangen Bemühungen allem Anschein nach vergebens waren und unsere Nation nicht aus der Vergangenheit gelernt hat. Václav Havel würde sehr gut wissen, dass diese Parteien zwei Gesichter der gleichen Haltung gegenüber der Politik und den Menschen sind. Die Politik der beiden Parteien entspringt der Strategie, dass man den Menschen zunächst Angst einjagen muss. Und aus dieser Angst können sie mithilfe einer guten Propaganda ohne Weiteres Hass erzeugen. Danach kann die Ernte eingefahren werden.

Wenn wir die Maxime von Wahrheit und Liebe ernst nehmen*, dann weiß ich, dass die Wahrheit das beste Mittel gegen die Angst ist. Wenn wir über Wahrheit reden, schätzen wir die Situation realistisch ein und lassen uns nicht einschüchtern. Und die Liebe ist überhaupt ein gutes Mittel in der Politik, weil etwas Beständiges nur erreicht werden kann, wenn man die Menschen wirklich mag und ihnen helfen will. Und das bedeutet, dass man auch seinen politischen Gegner respektieren sollte und nicht jeden, der eine andere Meinung vertritt, schon vorher als Gauner bezeichnet.

Václav Havel ist vor sechs Jahren gestorben und wir lassen uns manchmal unnötig erschrecken. Fürchten wir uns nicht und sagen wir die Wahrheit! Das ist ungeheuer befreiend und in Anbetracht der bevorstehenden Feiertage versichere ich Ihnen, dass Ihnen das große Freude bereiten wird. Wenn Sie bei der Wahrheit bleiben und sich nicht fürchten, dann stehen Ihnen wirklich frohe Weihnachten und ein glückliches neues Jahr bevor. Das wünsche ich Ihnen von Herzen.




* bezogen auf das Zitat von Václav Havel: „Wahrheit und Liebe müssen siegen über Lüge und Hass.“ (Pravda a láska musí zvítězit nad lží a nenávistí)


Übersetzung: Marcus Hundt, Foto: TOP 09

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