14. Dezember 2017,

Schwieriger Balanceakt

Michal Horáček braucht Fingerspitzengefühl, wenn er das Volk überzeugen will. Der genaue Wahltermin steht bisher noch nicht fest.

09. 11. 2016

Michal Horáček ist Schriftsteller, Komponist, Unternehmer und Anthropologe – 2018 will er Präsident werden

Es war keine Überraschung, als Michal Horáček am Donnerstag offiziell seine Präsidentschaftskandidatur bekanntgab. Dass der 64-Jährige ernsthaft überlegt, sich um das höchste Staatsamt zu bewerben, galt seit Monaten als sicher. Weniger war bisher aber darüber bekannt, welche Inhalte und Positionen er als Kandidat vermitteln möchte. Aufschluss darüber gab es am Donnerstag jedoch nur teilweise.

Umso mehr weiß man dafür nun über die Person Michal Horáček. Getreu seinem Motto „radikale Transparenz“ ist auf seiner Internetseite nahezu alles einzusehen: Eigentumsverhältnisse, Kontostände, Stasi-Akte, Hochschulzeugnisse, seine Dissertation nebst Beurteilungen sowie Arztberichte zu seinem Gesundheitszustand.

Daraus geht unter anderem hervor, dass Horáček ein wohlhabender Mann ist. Sein Privatvermögen beträgt demnach rund 17 Millionen Euro. Seine Kampagne will er deshalb ausschließlich aus eigenen Mitteln finanzieren. „Wer Geschenke annimmt, ist dem Schenkenden in jedem Fall verbunden, ob nun direkt oder nur rein gefühlsmäßig. Die Beziehung zum Wähler muss aber direkt sein, durch niemanden vermittelt und durch nichts gestört. Ich werde also von niemandem Geld annehmen“, erläuterte er seine Wahlkampfphilosophie in einem Interview mit dem Nachrichtenserver „idnes.cz“.

In seinem Heimatland ist Horáček eine bekannte Person, und für einen 1952 in der Tschecho­slowakei Geborenen verfügt er über einen ungewöhnlich bunten Lebenslauf. Aus intel­lektuellem Milieu stammend, begann er 1970 ein Studium der Publizistik und der Sozialwissenschaften, wurde jedoch 1974 auf Geheiß der Staatssicherheit (StB) der Hochschule verwiesen, weil er einen Antrag zur Bewilligung einer Studienreise in die USA manipuliert hatte. Dafür bekam er zwei Jahre auf Bewährung. Danach war er bis 1989 im Visier der StB, Anwerbungsversuche blieben jedoch erfolglos. In den siebziger Jahren und Anfang der Acht­ziger war er unter anderem Bademeister und Tellerwäscher. Erst ab 1986 war er wieder offiziell journalistisch tätig. Nach 1989 publizierte er zahlreiche Essays und Reisereportagen, die später auch in Buchform erschienen.

Prägend für sein Leben war jedoch eine Leidenschaft, die in der kommunistischen Tschechoslowakei ein Nischendasein in einer Grauzone führte: Pferderennen und Pferdewetten. Mit letzteren bestritt er einen Teil seines Lebensunterhalts. Er war inoffiziell als Buchmacher tätig – denn diesen Beruf gab es offiziell gar nicht – und galt als ausgewiesener Pferdesport-Experte, dessen auf Englisch geschriebene Artikel und Studien zum Thema in britischen und amerikanischen Fachpublika­tionen veröffentlicht wurden. Sein 1983 auf Tschechisch erschienenes Buch „Ein Königreich für ein Pferd“ war ein Bestseller und gilt bis heute als Standardwerk im Bereich Pferdesportgeschichte.

Nach der Wende gründete er mit Freunden das Wettunternehmen Fortuna, das schnell expandierte und Milliardenumsätze generierte. 2004 verkaufte er die Firma mit Millionengewinn. Das Thema Wetten beschäftigte ihn auch in seiner Dissertation, die er 2011 im Fach Allgemeine Anthropologie bei der Prager Karls-Universität einreichte: „Der Habitus des Glücksspielers. Ethnografische Rekonstruktion einer radikalen Alternative im Zeitalter des realen Sozialismus.“

Den meisten Tschechen ist Horáček jedoch als Komponist und Texter von Chansons und Popsongs bekannt. Gemeinsam mit dem mittlerweile verstorbenen Komponisten Petr Hapka bildete er das wohl erfolgreichste Autorenduo der tschechischen Musikszene. Für zahlreiche Größen des tschechischen Show­geschäfts schrieben Horáček und Hapka unzählige Hits, die heute als Klassiker gelten. Zwischenzeitlich war Horáček auch als Musikproduzent tätig.

Politisch verhielt sich das Multi­talent in den vergangenen 30 Jahren relativ unauffällig. Zwar war er in der Wendezeit aktiv an den Ereignissen beteiligt und kommentierte auch später als Journalist das politische ­Geschehen, doch hielt er sich von politischen Gruppen und Parteien stets fern.

Über Horáčeks Chancen bei den Wählern lassen sich derzeit keine seriösen Voraussagen machen. Von entscheidender Bedeutung wird sein, ob Amtsinhaber ­Miloš Zeman noch einmal antritt – und das will der Präsident erst im März kommenden Jahres mitteilen. Denn obwohl Horáček dies von sich weist, wird er doch vornehmlich als Anti-Zeman-Kandidat wahrgenommen. In der Tat repräsentiert er in vielem das Gegenteil des derzeitigen Präsidenten: Auftreten, Erscheinungsbild, Ausdrucksweise, Westorientierung, Kosmopolitismus, humanistisch-liberale Grundwerte, Konsensorientierung – das alles wirkt wie eine Antithese zum ­nationalpopulistischen Zeman.

Das alleine wird jedoch nicht reichen. Beobachter sind sich sicher: Sollte Zeman antreten – oder jemand, der die gleichen Wählergruppen anspricht –, so muss sein Gegenkandidat zwei Bedingungen erfüllen: Er sollte mit seinem Auftreten und seinen Positionen die potentiellen ­Zeman-Wähler nicht provozieren, damit sie in möglichst geringer Zahl zur Wahl gehen. Gleichzeitig muss er ausreichend andere Menschen überzeugen, die keine klaren Favoriten haben – also die meisten Wähler des Mitte-Rechts-Spektrums, die jedoch mehrheitlich eine deutliche Abgrenzung zu Zeman erwarten. Die richtigen Worte und Schritte innerhalb dieses Balanceaktes zu finden und dabei die Menschen mit Inhalten und einer positiven Botschaft zu überzeugen, wird keine leichte Aufgabe für den Kandidaten Michal Horáček sein.

Text: Ivan Dramlitsch, Foto: michalhoracek.cz

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