15. Dezember 2017,

Im Zeichen der Versöhnung

Seit knapp einem Jahr lebt Martin Kastler in Prag.

11. 05. 2016

Die Ackermann-Gemeinde setzt sich seit 70 Jahren für gute nachbarschaftliche Beziehungen ein. Das Anliegen der Gründer ist noch immer aktuell, meint der Bundesvorsitzende Martin Kastler

Das Engagement für die deutsch-tschechisch-slowakische Nachbarschaft hat sich die Ackermann-Gemeinde auf die Fahnen geschrieben. In diesem Jahr feiert die katholische Vereinigung ihr 70-jähriges Bestehen. Im Interview mit PZ-Autor Petr Jerabek spricht der Bundesvorsitzende Martin Kastler über das Selbstverständnis der Ackermann-Gemeinde, Spannungen zwischen Berlin und Prag sowie den bevorstehenden Sudetendeutschen Tag.


Herr Kastler, die Ackermann-Gemeinde gründete sich vor 70 Jahren als Gemeinschaft katholischer Heimatvertriebener. Sie selbst wurden fast drei Jahrzehnte später geboren. Was verbindet Sie noch mit den Anliegen der Gründer?

Die Ackermann-Gemeinde ist vor 70 Jahren gegründet worden, aber ihr Anliegen ist so jung wie damals, das erlebt man gerade in der Flüchtlingsdebatte. Die Zeit zeigt ja, dass Vertreibung, ethnische Säuberungen oder Menschen auf der Flucht Phänomene sind, die es immer gibt – weltweit, nicht nur in Europa. Ein Teil meiner Familie kommt aus dem Böhmischen, daher hatte ich immer einen Bezug zur Tschechischen Republik oder zur Tschechoslowakei. Das Thema Mitteleuropa, die Nachbarschaft von Bayern und Tschechien war für mich immer präsent. Und so bin ich in der Ackermann-Gemeinde aktiv geworden.

Auch bei der Sudetendeutschen Landsmannschaft stehen keine Vertreter der Erlebnisgeneration mehr an der Spitze. Welche Bedeutung können Vertriebenen­verbände in Zukunft noch haben?

Wir sehen uns nicht als klassischen Vertriebenenverband. Wir sind zwar von Heimatvertriebenen gegründet worden. Aber die ganz große Zahl derer, die neu dazukommen und sich engagieren, sind Menschen, die das alles nicht mehr erlebt haben, sondern sich für die Geschichte, für die aktuelle Situation der Menschen und die Kultur in Tschechien und auch der Slowakei interessieren. Das ist eine ganz andere Ausgangslage als bei echten Vertriebenenverbänden. Wir sind eine katholische, eine christliche Gemeinschaft, die sich engagieren will für gute Nachbarschaft, für Begegnung, für ein aktives Miteinander in Europa.

Was war der größte Erfolg Ihres Verbands in den vergangenen 70 Jahren?

Ich glaube, jede Begegnung von Menschen, die wir mit auf den Weg gebracht haben, ist ein großer Erfolg gewesen. Und das meine ich auch ganz im Kleinen – die vielen Freundschaften, die entstanden sind, auch viele Familiengründungen innerhalb der und durch die Ackermann-Gemeinde, zum Beispiel auch meine. Der politische Erfolg ist, dass wir mit den Boden dafür bereiten konnten, dass man ohne ständige Forderungen und durch konstruktives Heran­gehen an Fragen der Vergangenheit in die Zukunft schauen kann, auf den christlichen Aspekt der Versöhnung. Das haben sich einige Politiker Gott sei Dank zu eigen gemacht und haben es durch viele Gespräche und informelle Begegnungen letztlich auch in die offizielle Politik gebracht.

Viele jüngere Tschechen gehen mit dem Thema Vertreibung unverkrampft um, andererseits zeigten der Präsidentenwahlkampf und der Sieg von Miloš Zeman 2013, dass sich mit der anti-sudetendeutschen Karte noch immer Stimmung machen lässt. Wie weit ist der Weg zu echter Normalität noch?

Ich denke, dass es schon echte Normalität ist. Und dass es in vielen Kreisen auch eine echte Freundschaft und Partnerschaft ist – im wirtschaftlichen, kulturellen oder kirchlichen Bereich. Es gibt leider einzelne Personen, die immer noch versuchen, mit Ressentiments, die sie selbst schüren, bei anderen Menschen wieder Ressentiments zu erzeugen. Aber es ist nichts, was speziell gegen Sudetendeutsche geht. Sondern das geht gegen Fremde allgemein. Wenn Sie die politische Situation in der Tschechischen Republik betrachten, gibt es an der Staatsspitze auch Menschen, die immer wieder durch Aussagen gegen Ausländer, gegen Flüchtlinge Stimmung machen, um sich für irgendeinen Wahlkampf besser zu positionieren. Das ist menschlich wirklich traurig.

Wie nehmen Sie das deutsch-tschechische und das bayerisch-tschechische Verhältnis derzeit wahr?

Als ich vor einem Jahr angefangen habe, hier in Prag bei der Hanns-Seidel-Stiftung zu arbeiten, waren die Beziehungen zwischen Berlin und Prag exzellent. Doch es gab in den vergangenen Monaten wegen der europäischen Migrationspolitik und der Positionierung Berlins Schwierigkeiten. Ich sehe jetzt einen Wandel der Zielrichtung der tschechischen Politik – weg von Berlin und hin zu München.

Wie zeigt sich das?

Es ist interessant, hier in Prag zu erleben, wie die Situation genutzt wird, um noch enger mit München zu kooperieren. Ich kann mich als Vertreter der Hanns-Seidel-Stiftung kaum vor Anfragen retten, weil die Kontakte zur CSU und zu München viel mehr nachgefragt werden, als das früher der Fall war. Im Moment müsste der Berliner Seite angesichts der Stimmung, die in Prag in der politischen Elite herrscht, sehr daran gelegen sein, feinfühlig mit Tschechien umzugehen. Hauptursache der Differenzen zwischen Berlin und Prag ist, dass man über entscheidende Punkte nicht miteinander gesprochen hat. Das ist etwas, was die großen EU-Mitgliedsländer nie vergessen sollten: Man sollte kleinere Staaten in der Europäischen Union nicht überstimmen, sondern auf dem Weg mitnehmen, auch wenn Differenzen bestehen.

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer hat den Dialog gesucht – mit dem tschechischen Premier Bohuslav Sobotka, aber auch mit dem ungarischen Regierungschef Viktor Orbán, wofür er viel Kritik einstecken musste.

Ich kann die Rolle von Horst Seehofer nur loben, die er in Mitteleuropa spielt. Er ist hier jetzt so gefragt und beliebt, weil er mit den Entscheidern spricht, zu ihnen reist – auch am nächsten Wochenende anlässlich der Ausstellung über Karl IV. Er wird dabei auch wieder Gespräche in Prag führen. Das ist der wirklich europäische Weg. Und ich glaube, viele vermissen in einigen dieser mitteleuropäischen Länder – von Polen angefangen bis hin zu Ungarn – die deutsche Kanzlerin.

Zurück zur Ackermann-Gemeinde: Wie wird das Jubiläum gefeiert?

Begonnen haben wir am 13. Januar – dem Tag, an dem sich unsere Gründer in München nach ihrer Vertreibung, Flucht oder Aussiedlung zusammengetan haben, um ein typisch böhmisches Fest zu feiern. Es gibt in Nordböhmen den Ort Philippsdorf (heute als Filipov Ortsteil der Stadt Jiříkov, Anm. d. Red.), den man auch das böhmische Lourdes nennt. Dort hat am 13. Januar 1866 eine Marien­erscheinung stattgefunden. Der Satz Marias zu einer todkranken Frau namens Magdalena Kade – „Mein Kind, von jetzt an heilt’s“ – war 1946 auch für die Gründer der Ackermann-Gemeinde der Ursprung, warum sie sich getroffen haben. Wir haben also in Philippsdorf gefeiert, nachts um 4 Uhr bei einer großen Messe und anschließend bei einem Festakt.

Was steht noch an?

Wir feiern das in einem Zyklus in allen Diözesen und Regionen, in denen wir aktiv sind. Der Höhe- und Endpunkt wird am 22. Oktober in Nürnberg sein, wo wir das 70-jährige Bestehen mit einem Festgottesdienst mit dem neuen Pilsner Bischof Tomáš Holub in der Frauenkirche feiern werden. Anschließend wird es im historischen Rathaussaal einen Festakt gegeben, der Bundeslandwirtschaftsminister und Vorsitzende des Deutsch-Tschechischen Gesprächsforums Christian Schmidt wird einen Festvortrag halten.

Am Wochenende wird in Prag die Bayerisch-Tschechische Landesausstellung „Karl IV.“ eröffnet, in Nürnberg versammeln sich die Sudetendeutschen zu ihrem großen Pfingsttreffen. Was erhoffen Sie sich von diesem Wochenende?

Einen weiteren Schritt hin zu einer ganz normalen Nachbarschaft und Partnerschaft zwischen Bayern, Sudetendeutschen und Tschechen. Zum Sudetendeutschen Tag: Ich glaube, Sie finden keinen Ort in Deutschland, wo mehr Menschen zusammen sind, die sich wirklich in den böhmischen Ländern auskennen. Für viele Deutsche sind diese weit weg. Selbst in Nürnberg: Fragen Sie dort, wie viele Nürnberger schon in Prag waren. Ich fürchte diese Umfrage, wenn ich ehrlich bin. Für viele ist Prag weiter weg als Berlin, obwohl Prag von Nürnberg aus viel näher ist – kulturell, menschlich, aber auch was die Kilometer betrifft.

Interview: Petr Jerabek, Foto: Katholische Nachrichten-Agentur

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