14. August 2018,

Gegen den Krieg

Bertha von Suttner wurde 1905 als erste Frau mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

08. 06. 2018

Vor 175 Jahren wurde die Schriftstellerin und Friedensaktivistin Bertha von Suttner in Prag geboren. Ein tschechisch-österreichisches Gemeinschaftsprojekt zeigt „Suttner im Kontext“

 


Von Konstantin Kountouroyanis



Nur wenige wissen, dass Bertha von Suttner in Prag geboren wurde. Und kaum jemand kennt den genauen Geburtsort der Frau, die mit „Die Waffen nieder!“ den damals wohl wichtigsten Antikriegsroman schrieb.

Lange Zeit hielt sich die Annahme, die spätere Friedensnobelpreisträgerin sei im Kinsky-Palais am Altstädter Ring zur Welt gekommen. Tatsächlich aber erblickte sie am 9. Juni 1843 in einem Bürgerhaus in der Prager Neustadt mit der Konskriptionsnummer 697 (in der Straße Vodičkova) das Licht der Welt. Das hat vor kurzem Milan Tvrdík von der Prager Karls-Universität in dem kürzlich erschienenen Band „Suttner im KonText – Interdisziplinäre Beiträge zu Werk und Leben der Friedensnobelpreisträgerin“ anhand von Tauf-, Trauungs- und Sterbebüchern nachgewiesen.

Der Nachweis, dass Bertha von Suttner nicht im Palais, sondern in der Neustadt geboren wurde, birgt ein pikantes Detail. Der Vater war vor kurz vor ihrer Geburt gestorben. Bertha selbst konnte keine 16 Hochadligen vorweisen, weswegen ihr der Zugang zur höheren Gesellschaftsschicht zeitlebens verwehrt blieb. Erst als junges Mädchen besuchte sie erstmals das Haus ihrer Verwandten auf dem Altstädter Ring.

Zusammen mit dem österreichischen Germanisten Johann Georg Lughofer von der Universität Ljubljana gibt Tvrdík mit dem Band zahlreiche weitere Beiträge heraus, die auf eine Konferenz zurückgehen, die 2014 anlässlich des 100. Todestags von Bertha von Suttner im Österreichischen Kulturforum Prag stattfand.

Der Band fasst zahlreiche Beiträge zu Suttners Leben und Werk unter häufig noch nicht betrachteten Aspekten zusammen. Durch die Neuordnung und Neubewertung historischer Daten unterstreicht der Konferenzband die Bedeutung der Schriftstellerin und Friedensforscherin im mitteleuropäischen Kontext und trägt damit dem interdisziplinären Interesse der Autorin Rechnung.

Für Bertha von Suttner war der Kampf gegen den Krieg nicht nur eine rein politisch-militärische Angelegenheit, sondern betraf alle Bereiche der Gesellschaft bis hin zur Erziehung der Töchter und Söhne durch ihre Mütter im Sinne einer auf Kriegstreiberei ausgerichteten Gesellschaftsordnung. So schreibt der österreichische Friedenspädagoge Werner Wintersteiner in seinem Beitrag: „Die jungen Männer sollen zu Helden erzogen werden, den Mädchen hingegen wird die Aufgabe zugeschrieben, diese Helden anzufeuern, zu belohnen und zu trösten. Somit tragen auch die unpolitisch gehaltenen, angeblich friedfertigen Frauen ihren Teil zur Aufrechterhaltung des Kriegssystems bei.“

Hingegen setzen Literaturhistorikerin Libuše Heczková und Bohemistin Olga Słowik in ihrem gemeinsamen Aufsatz zu Vlasta Pittnerová, Jindřiška Wurmová, Pavla Moudrá und Anna Pammrová interessante Querverweise zur tschechischen Frauen- und Friedensbewegung. Denn neben der Abschaffung einer Erziehungstradition, die aus „Männern Helden“ machen soll, traten die von Heczková und Słowik untersuchten Persönlichkeiten auch für die Emanzipation der Frauen ein.

So meinte Pavla Moudrá (1861–1940) am 23. März 1918 – also ein halbes Jahr vor dem Ende des Ersten Weltkrieges – auf einer Frauentagung in Prag, die Erfindung des Maschinengewehrs und des Giftgases seien glücklicherweise keinem „weiblichen Kopf“ entsprungen. Der Krieg sei ein Produkt der Dominanz des männlichen Prinzips. Was würden Suttner und Moudrá wohl heute zu den Verbrechen US-amerikanischer Soldatinnen während des Irak-Krieges sagen, über die die Journalistin Raniah Salloum berichtete?

Suttners Geburtshaus in der Straße Vodičkova

Die Prager Germanistin Viera Glosíková untersucht das Verhältnis Bertha von Suttners zu den Tschechen. Schließlich lebte Suttner zu Zeiten der k.u.k. Monarchie. 1848 war sie fünf Jahre alt, als die März-Revolution den Gedanken eines Nationalstaats in Europa verbreitete und auch Böhmen und Mähren nach nationaler Emanzipation strebten.

Wie sich die Spannungen zwischen Deutschen und Tschechen gegen Ende des 19. Jahrhunderts zuspitzten, zeigt ein Zitat Suttners aus dem Jahr 1895. Auf Einladung des deutschen Künstlervereins „Concordia“ hatte sie kurz zuvor eine Lesung im Deutschen Haus (heute „Slovanský dům“) gehalten, in der sie auch auf die tschechischen Dichter Jaroslav Vrchlický und Svatopluk Čech einging. In ihren Memoiren erinnerte Suttner an den Auftritt:

„In aller Unschuld hatte ich gar keine Ahnung davon, dass es in dem von nationalen Kämpfen zerrissenen Prag eine Ungehörigkeit war, im ,Deutschen Hause‘ tschechische Geister zu rühmen. Einen Augenblick soll im Saale eine gewisse Beklemmung geherrscht haben – als aber die herrlichen (...) Verse der beiden tschechischen Dichterfürsten erklangen, waren die deutschen Zuhörer entwaffnet und die Mißstimmung wich.“

Abgeschlossen wird der Band mit einer biografischen Arbeit von Mira Miladinović Zalaznik. Darin beschreibt die Germanistin auch, wie sehr sich Suttner gegen den Krieg einsetzte. Und wie sie für den gesellschaftlichen Fortschritt kämpfte – unter extrem schweren Bedingungen und zahlreichen Anfeindungen. Trotz ihrer zahlreichen Schriften und Reden gegen den Krieg blieb ihr Lebensziel unerfüllt. Wenige Tage nach ihrem Tod am 21. Juni 1914 löste das Attentat von Sarajevo den Ersten Weltkrieg aus.







Johann Georg Lughofer / Milan Tvrdík (Hg.): Suttner im KonText. Interdisziplinäre Beiträge zu Werk und Leben der Friedensnobelpreisträgerin. Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2017. 238 Seiten, Print/PDF 44,00 EUR. ISBN-13: 978-3-8253-6552-3

Inhaltsverzeichnis (externer Link)

Der als Print- und PDF-Ausgabe erhältliche Band richtet sich an Geschichtsinteressierte und Philologen.

 

Fotos: APZ/Konstantin Kountouroyanis

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