13. November 2018,

„Wir brauchen Zusammenhalt in Europa“

Seit seinem ersten Auftritt im Jahr 1984 war Mattausch bis heute 13 Mal im >Tatort< zu sehen.     © SR

03. 03. 2018

Dietrich Mattausch (77) gehört zu den profiliertesten deutschen Schauspielern. Karriere und Herkunft machen ihn zugleich zu einem wichtigen Zeitzeugen. Geboren wurde er in Leitmeritz

 


Interview von Klaus Hanisch



PZ: Sie gelten als Gentleman in der Branche, mit Humor und Höflichkeit. Gerade in Ihrer Branche kam nun eine umfassende Sexismus-Debatte auf, Machtmissbrauch und Belästigungen sollen gang und gäbe sein. Was haben Sie selbst an Sets erlebt?
Dietrich Mattausch: Es ist doch nicht nur beim Film so, sondern auch am Theater: Wenn eine Nacktszene mit schönen jungen Frauen anstand, wusste ich immer, dass ich mindestens zwei Stunden in die Kantine gehen konnte, weil diese Szene lange geprobt wird und sich die armen Frauen immer wieder ausziehen mussten. Beim Regisseur Frank Castorff spielt eine Schauspielerin gerade in einem Hamburger Theater eine Szene eine Viertelstunde lang nackt. Soll mir doch keiner erzählen, dass das nur mit Kunst zu tun hat und nicht auch mit Voyeurismus und Macht. Das kann auch zu großen Ungerechtigkeiten führen, wie man bei Wedel sieht. Seinetwegen haben Schauspielerinnen ja sogar ihren Beruf aufgegeben.

Dieter Wedel steht besonders im Fokus von Anschuldigungen. Haben Sie Erfahrungen mit ihm gemacht?
Wedel ist eine spezielle Geschichte. Ich hatte mit ihm wegen mehrerer Projekte Kontakt und habe ihn als sehr eruptiv und cholerisch erlebt. Wer bei ihm unter die Räder kam, der hatte keinen leichten Stand mehr, egal ob Mann oder Frau. Einmal schlug er mir vor, den Nazi Eichmann zu spielen. Dafür hatte ich nur drei Wochen Vorbereitung, deshalb sagte ich ab. Das hat ihn nicht sehr erfreut. Was er bei Frauen für sexuelle Obsessionen hatte, weiß ich nicht. Aber in der Branche wurde ja viel über ihn kolportiert.

Haben Sie selbst Launen von Regisseuren getroffen?
Als ich Anfang 30 war, habe ich mit Heinz Bennent ein Hörspiel in Baden-Baden gemacht. Dabei hat mich der Regisseur dermaßen beleidigt und demontiert, dass ich lange brauchte, um mich davon zu erholen. Und um die Souveranität zu bekommen, dass ich sagen kann, heute würde ich ihm in die Fresse hauen.

Und wie war es mit dem berühmten Theater-Regisseur Peter Zadek? Sie haben viele Jahre mit ihm gearbeitet.
Bei Zadek waren wir eine Zeit lang eine starke Familie. Aber als ich einmal eine starke Bronchitis mit hohem Fieber hatte und eine Veranstaltung absagen wollte, schickte er mir zwei Mediziner ins Haus. Er rief mich an und sagte, wenn du das nicht spielst, werde ich dafür sorgen, dass du nie wieder Arbeit an einem Theater  bekommst. Also habe ich gespielt. Von Zadeks Druck konnte ich mich erst lösen, als ich beim Fernsehen viel zu tun bekam. Er meinte damals, ich sei so seltsam erwachsen geworden. Aber glauben Sie nicht, dass andere Regisseure anders sind. Ich hatte mehrfach Gespräche mit Peter Stein und das war sehr humorlos ...

Sie arbeiten als Schauspieler, gestalten aber ebenso Lesungen mit: erst im letzten November in München über den 1890 in Prag geborenen Schauspieler Ernst Deutsch. Und schon 2012 in Berlin mit Briefen von Dr. Siegfried Peltesohn, die auch im Ghetto Theresienstadt geschrieben wurden. Zufall – oder lässt Sie die alte Heimat Böhmen nicht los?
Mich hat das Verhältnis Prag-Wien-Berlin immer sehr interessiert. Und Ernst Deutsch ist ein ganz wichtiger Kollege, daher war diese Veranstaltung bei den Jüdischen Kulturtagen in München eine wunderbare Aufgabe. Ich bin sehr empfindlich, wenn es um die Diskriminierung von Juden geht. Deshalb finde ich es auch sehr befremdend, wenn sich Antisemitismus nun wegen islamischer Bürger, die bei uns eine neue Heimat finden, wieder direkt oder indirekt stärker ausbreitet.

Nach dem Krieg wurden Sie mit Ihrer Familie aus Leitmeritz vertrieben, spielten aber 1984 im Film „Die Wannseekonferenz“ sehr überzeugend den stellvertretenden Reichsprotektor in Böhmen, Reinhard Heydrich. Wie schwer fiel Ihnen das?
Ich hatte zuvor schon in einer biographischen Verfilmung den Heydrich gespielt [„Reinhard Heydrich – Manager des Terrors“ von 1977, Anm. d. Red.]. Denn der Faschismus hat mich immer beschäftigt. Darüber gab es auch in meiner Familie sehr intensive Auseinandersetzungen. Leitmeritz lag ja auf der anderen Seite von Theresienstadt. Dieses Thema begleitet mich bis heute.

Wodurch entzündeten sich diese Diskussionen innerhalb Ihrer Familie?
Mein Vater war im Militär und lange in Gefangenschaft. Nachdem er zurückgekommen war und ich erwachsen wurde, habe ich Fragen gestellt. Etwa, ob meine Eltern nicht wussten, was unter den Faschisten passierte. Daraufhin gab es großes Schweigen und den Hinweis, man sei nicht involviert gewesen. Später fand ich jedoch im Haus meiner Eltern Hinweise, dass mein Vater in der NSDAP war. Es hat mich sehr getroffen, dass er sich nie mit mir darüber auseinandergesetzt hat. Und dass sich diese Generation schuldbewusst in Schweigen flüchtete.

Als „Heydrich“ bekamen Sie zu Ihrem Entsetzen auch Applaus von der falschen Seite.
Ich habe Einladungen zu ganz bestimmten „Treffen“ bekommen. Mit dem Hinweis, wer so gut den Heydrich spielen könne, der könne ja nur „einer von uns“ sein. Ich dachte, mir zieht's die Schuhe aus! Dabei hatte ich anfangs überhaupt keine Lust, in diesem Film mitzuspielen. Aber genau in dieser Zeit gab es Schändungen in jüdischen Friedhöfen. Das hat mich so geärgert, dass ich mir sagte: Verdammte Scheiße, man muss diese ganze Geschichte noch einmal erzählen! Ich bekam dann die Protokolle dieser Konferenz zu lesen und war entsetzt, welch unausgesprochene Vernichtung damals gleichsam maschinell in Gang gesetzt wurde. Der Film lief, glaube ich, in 120 Ländern, wurde in vielen Videotheken verliehen und ist heute noch im Internet zu sehen.

In die "Die Wannseekonferenz" (1984) verkörperte Mattausch SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich.   © BR

Frank Elstner lebte als Dreijähriger in Brünn und erzählte uns humorvoll von einem halbvollen Glas Wodka, das er mit Wasser verwechselte und zum Entsetzen seines tschechischen Kindermädchens trank. Haben Sie auch noch Erinnerungen an Ihre Kindheit in Böhmen?
Mein Großvater hatte einen Weinberg, in dem ich mit einer Cousine und einem Cousin wunderbar spielen konnte. Oft habe ich versucht, ihm eine Weintraube zu klauen, aber das funktionierte einfach nicht. Ich hatte den Eindruck, dass er jede Traube persönlich kannte. Und mit Namen! Ich war ein heiteres Kind, wie man auf alten Bildern sieht, und habe die Kriegsjahre auch nicht so empfunden wie meine Eltern mit all ihrer Verzweiflung.  

Kürzlich wurde in der ARD-Dokumentation Todeszug in die Freiheit gezeigt, wie Tschechen die Häftlinge eines Transportes aus Leitmeritz befreiten. Bekamen Sie als Kind mit, dass es dieses Außenlager des KZ Flossenbürg gab?
Ich erinnere mich noch an Spaziergänge mit meinem Vater, als ich etwa vier Jahre alt war. Dabei kamen Leute in gestreifter Sträflingskleidung an uns vorüber, die meinem Vater salutieren mussten. Das war ihm wahnsinnig unangenehm. Deshalb zerrte er mich immer in einen Hausflur und erzählte mir irgendwelche Geschichten. Erst viele Jahre später erklärte er mir, leicht angetrunken, dass das Menschen waren, die ihn durch seine Arbeit als Beamten kannten. Er nahm für mich eine ambivalente Haltung ein: einerseits überzeugter Parteigenosse, andererseits eine persönliche Situation, die ihm nicht recht war.

Wie haben Sie anschließend die Vertreibung erlebt?
Meine Eltern hatten für sie wertvolle Dinge im Garten vergraben, plötzlich kamen Fremde, besetzten das Haus, durchsuchten den Grund und fanden diese Verstecke. Ich war damals etwa fünf Jahre alt und es war auch für mich eine furchtbare Situation. Wir mussten ausziehen, lebten zunächst mit mehreren Leuten in einer kleinen Wohnung, dann kam die Ausweisung mit den Großeltern, die damals Anfang 60 waren. Wir fuhren in einem Viehwaggon in ein Auffanglager und wurden in Hessen auf Bauernhöfe aufgeteilt. Danach lebten wir nördlich von Schlüchtern, mein Großvater starb bald.

Wie sehr hat Sie dies geprägt?
Die Jahre zwischen 1945 und 1947 waren für mich eine sehr prägende Zeit. Es gab Hungersnöte, ich wurde von Bauer zu Bauer geschickt und bettelte um Essen. Ich stahl Äpfel in der Natur, buddelte Kartoffeln aus und musste, um meinen Großvater im Krankenhaus zu besuchen, einen Weg laufen, der einfach nicht aufhören wollte. Erst vor zwei Jahren fuhr ich diese Strecke noch einmal ab, weil ich endlich wissen wollte, wie weit sie damals war: 22 Kilometer – für einen Sechsjährigen kein Vergnügen.

Wurde in Ihrer Familie später noch über die alte Heimat und die Vertreibung gesprochen?
Die Vertreibung war ein großer Schmerz und es gab in meiner Familie Schuldzuweisungen an andere. Aber die Familie hat nicht akzeptiert, dass das alles in Deutschland begonnen hatte. Dazu ein latenter Antisemitismus. Ich nehme an, meine Familie wusste alles, wollte es aber nicht zugeben.




„Man muss respektieren, dass man sich gegenseitig wahnsinnige Wunden geschlagen hat.“





Als Persönlichkeiten der Stadt werden heute der Schriftsteller Alfred Kubin und der Journalist Walter Tschuppik genannt – und Sie. Haben Sie noch eine Beziehung zu Leitmeritz und den Ort später mal besucht?
Ich war noch ein paar Mal dort. Von Berlin aus erreiche ich Leitmeritz mit dem Auto schneller als Hamburg. Es ist eine wunderschöne Stadt, die ich jedem empfehlen kann, mit einer tollen Lage an der Elbe. Und eine fruchtbare Landschaft mit einem gutem Klima. Der Marktplatz ist vollkommen unterkellert und teilweise zu besichtigen, vieles ist wahnsinnig schön restauriert. Ich betrachte mir oft auch die Jugendbilder meiner Eltern in einem Fotoalbum, als sie in den dreißiger Jahren dort glücklich Sport getrieben haben. Aber dort leben möchte ich heute nicht mehr.

Warum nicht?
Die Ausweisung hat meinen Eltern und mir viel Schmerz bereitet – aber ich profitiere davon. So ein gutes Leben wie in Deutschland hätte ich in Tschechien wahrscheinlich nicht. Auch wenn mir die Leute zuletzt sehr freundlich begegneten. Das war aber nicht immer so. Als ich vor 20 oder 30 Jahren mal das Weingut besichtigen wollte, in dem ich immer gespielt habe, wurden die Menschen sehr böse. Man muss respektieren, dass man sich gegenseitig wahnsinnige Wunden geschlagen hat. Aber ich habe den Eindruck, dass es durch die EU einen großen Sinneswandel gibt – dort und bei uns.

Haben Sie sich mal eingehender mit Tschechen unterhalten?
Während der Dreharbeiten zur Fernsehserie „Vom Webstuhl zur Weltmacht“ über die Fuggers von 1983, die auch in Prag spielte, habe ich mich lange mit meiner wunderbaren tschechischen Übersetzerin über die deutsch-tschechischen Beziehungen unterhalten und hatte auch später noch Kontakt mit ihr. Sie war etwa 70 und hat mir bestätigt, wie kompliziert diese Auseinandersetzungen waren. Schon seit dem 18. Jahrhundert gab es ja ständig Reibereien. Ich weiß bis heute, was passiert ist, nachdem der Krieg verloren war und was ich erlebt habe. Das hat mich als Kind lange belastet. Auch meine Familie litt unter der Aggression der tschechischen Bevölkerung. Aber ich sage immer wieder, dass man sie verstehen konnte. Denn die Deutschen haben sich zuvor den Tschechen gegenüber auch nicht gut und fair verhalten.




„Die Rolle, die mir Steven Spielberg angeboten hatte, konnte ich einfach nicht spielen.“





Um Flucht ging es auch in dem RTL-Film „Prager Botschaft“. Im Gegensatz zu Ihrer Familie flohen im Herbst 1989 Tausende DDR-Bürger allerdings freiwillig in die deutsche Botschaft. Haben Sie diese Dreharbeiten nach Ihren Erfahrungen trotzdem als speziell erlebt?
Ich bekam sofort eine emotionale Beziehung dazu. Was 1989 in der Prager Botschaft passierte, wurde mit tschechischen Statisten nachgestellt, wofür sie etwa 150 Kronen bekamen. Es war zwar absurd, dass sie ohne Deutsch-Kenntnisse die Deutschen spielten und mir als Botschafter für ihre Rettung danken mussten. Aber in Filmen versucht man prinzipiell, der Realität so nah wie möglich zu kommen. Das ist heikel, auch wenn es sehr gut gemacht wird. Wie diese Statisten in den Gängen warteten, mit all ihren Hoffnungen, und dann der Jubel nach Genschers erlösenden Worten – das nimmt man als Schauspieler nicht mehr über einige Entfernung durch das Fernsehen wahr. Wenn man das nachspielt, glaubt man stattdessen irgendwann, es sei tatsächlich die Realität, wenn auch etwas verändert. Mich bedrückt so etwas sehr.

Ist Ihnen dies in Ihrer langen Karriere oft passiert?
Es gibt unangenehme Themen für einen Schauspieler. So habe ich zum Beispiel immer Filme abgelehnt, in denen ich als 50-Jähriger eine sexuelle Beziehung zu einer 15-jährigen Tochter hätte haben sollen. Ein anderes Beispiel ist, dass ich in den „Bertinis“ einen jüdischen Optiker spielte, dessen Geschäft in Prag zerstört wurde. Danach konnte ich die ganze Nacht nicht schlafen. Ich lehnte auch das Angebot von Steven Spielberg ab, in „Schindlers Liste“ mitzuwirken. Die Rolle, die mir angeboten wurde, konnte ich einfach nicht spielen.

Ihr Berufswunsch, Schauspieler zu werden, soll Ihrem Vater nicht gefallen haben. Begann diese Vorliebe schon in Leitmeritz?
Nein, das war erst später. Zunächst wollte ich immer zum Zirkus. Das fanden alle in meiner Familie sehr komisch. Aber ich war so begeistert davon, dass ich meiner Großmutter Rosinen oder Nüsse klaute und Zirkusleuten brachte, wenn welche in der Nähe waren. Mit 14 oder 15 wollte ich zum Film und bekam deshalb fast Prügel von meinem Vater. Später gab es einen Kompromiss und ich musste erst eine Lehre als Speditionskaufmann absolvieren. Danach war ich aber 21 und habe sowieso gemacht, was ich wollte.

Dietrich Mattausch und Ruth Maria Kubitschek bei den Dreharbeiten zum Thriller "Im Schatten der Angst" (1988)        © Ziegler Film

Vor 30 Jahren spielten Sie in „Im Schatten der Angst“ mit Ruth Maria Kubitschek, die ebenfalls in Böhmen geboren wurde, nämlich in Komotau, dem heutigen Chomutov. Haben Sie mit ihr mal über die alte Heimat gesprochen?
Ich wusste, dass sie in Böhmen geboren wurde – das hatte mir ihr Lebenspartner Wolfgang Rademann erzählt. Aber beim Film hat man wenig Zeit für private Gespräche. Jeder muss sich um seinen Part kümmern. Am Theater wäre es anders gewesen. Außerdem wollte Ruth Maria nach den anstrengenden Drehtagen abends lieber allein sein und dafür hatte ich großes Verständnis.

Und wie war es mit Reiner Kunze, in dessen Film „Die wunderbaren Jahre“ Sie eine Hauptrolle spielten? Er erzählte uns erst kürzlich über seine große Affinität zu Tschechien.
Mit Reiner Kunze habe ich viel darüber gesprochen. In dem Film spielte ich ja ihn selbst, und daher auch, wie er tschechische Autoren übersetzt. Lyrik hat mich immer interessiert und die Tschechen haben nach meinem Empfinden eine bessere Sprache dafür. Kunze erklärte mir, dass man während der kommunistischen Zeit nicht schreiben konnte, man wünsche sich eine bessere Welt. Aber wenn ein tschechischer Autor ein Gedicht über einen Sonnenaufgang verfasste, dann stand das allein schon für eine positive Veränderung der Welt. Und in solch einem Gedicht konnte er entsprechende Bilder entwerfen.
 
Die Dreharbeiten mit Kunze waren gleichwohl nicht immer einfach für Sie. Worum ging es dabei?
In der Rolle von Kunze musste ich auch vorbeirollende Panzer am Fenster betrachten. Das war für mich ein Problem, weil ich eine Panzerphobie habe. Als Kind spielte ich einmal an einem ausrangierten Panzer, unter den man kriechen konnte. Dort sah ich diese riesige Metallgewalt. Das hat mich lange in meinen Träumen verfolgt. Deshalb finde ich Kriegsspielzeug ganz furchtbar.

Sprechen Sie auch Tschechisch?
Mein Vater und meine Mutter ja. Mein Vater war sogar beim tschechischen Militär und keiner erkannte, dass er Deutscher war, weil er zweisprachig aufgewachsen war. Als ich ihn später bat, Texte über tschechische Komponisten für mich zu übersetzen, verwies er darauf, dass er diese Sprache nicht beherrsche, obwohl er sie zuvor perfekt konnte. Das fand ich furchtbar. Denn es zeigte, dass bei ihm eine ganz starke Verkrampfung eingetreten war.




„Derzeit geht ein großer Riss durch Europa, und daran gebe ich unserer Kanzlerin eine Mitschuld.“





Interessieren Sie sich heute für das Zusammenleben beider Staaten in Europa oder hat die Vertreibung für Sie einen tiefen Schatten auf das Land geworfen?
Ich finde, der Zusammenhalt in Europa ist eine ganz wichtige Sache. Leider geht derzeit ein großer Riss durch Europa, und daran gebe ich unserer Kanzlerin eine Mitschuld. Andere sehen Energieversorgung oder die Flüchtlingsfrage anders, doch wir Deutsche empfinden uns als Vorreiter und glauben, ihnen unsere Haltung aufdrängen zu müssen. Das ist fragwürdig und gilt auch für andere Bereiche. Dabei ist die Vereinigung von Europa ganz wesentlich, weil sie in den letzten 70 Jahren einen weiteren Krieg verhindert hat und hoffentlich weiter verhindert. Die Abkapselung von Polen und auch von den entscheidenden Politikern in Tschechien ist für mich eine heikle Angelegenheit. Da muss man gute Kompromisse finden.

Laut Statistik spielten Sie in „Tatort“-Folgen so viele Gastrollen wie kaum ein anderer und Sie waren dort auch so oft wie kaum jemand ein Mörder. Doch Angebote, selbst einen „Tatort“-Kommissar zu mimen, lehnten Sie ab. Hing dies damit zusammen, dass Sie in der TV-Serie „Der Fahnder“ über viele Jahre bereits den Kommissar Rick spielten?
Mir wurde auch „Wolffs Revier“ angeboten. Aber ich wollte nie als Kommissar ins Abendprogramm. Zudem kann man als „Tatort“-Kommissar kaum was anderes zusätzlich machen und ich wollte neben Fernsehen immer auch im Theater spielen. Im „Fahnder“ hatte ich zudem nicht die Hauptrolle, sondern eine profilierte Nebenrolle. Man darf sich nicht selbst zu sehr zum Verbrauch stellen. Deshalb konnte ich immer gut damit leben, wenn ich keinen Hauptcast machte. An manchen Abenden spielte ich trotzdem zur selben Zeit in der ARD und im ZDF. Manchmal konnte ich mich selber kaum noch sehen ...

Sie haben in Hunderten von Filmen und Theaterstücken mitgewirkt, aber das Krimi-Genre lag Ihnen anscheinend besonders.
Ich habe tatsächlich in über 250 Krimis mitgespielt, davon allein 203 Mal im „Fahnder“ und in mehr als ein Dutzend „Tatorten“. Solche Filme schaue ich mir heute kaum noch an, weil ich gleich zu Beginn durchschaue, wer der Täter ist und wie sie enden.

Dietrich Mattausch in der SWR-Talkshow NACHTCAFé (August 2017)   © SWR, Alexander Kluge

Man findet Ihren Namen in vielen Datenbanken, sogar in einer über Körpergrößen. Dort steht, dass Sie mit 1,86 Meter acht Zentimeter größer seien als der deutsche Durchschnittsmann. War das auch entscheidend bei der Rollenvergabe?
(überlegt) Ja. Wenn ich auf eine Bühne trete, bin ich erstaunlicherweise sogar noch einige Zentimeter größer, das liegt irgendwie an meiner Körperkonstitution. Dadurch vermittle ich von Beginn an eine Art von Souveranität und damit konnte ich zuweilen eine gewisse Unsicherheit und Ängstlichkeit überspielen, obwohl ich temperamentvoll wirke. Doch man bot mir deshalb nie Rollen an, in denen ein Schauspieler zurückhaltend oder schüchtern sein muss. Als Typ wurde ich gerne als Intellektueller oder Arzt eingesetzt, als Clochard hielt man mich dagegen nicht für glaubwürdig.

Sie nannten einmal als Ihr Ziel, „heiter alt werden zu wollen im Sinne von Altern als Kunstwerk.“ Können Sie dem Alter also positive Seiten abgewinnen?
Es wird immer schwieriger. Wenn man auf die 80 zugeht, muss man sich sehr disziplinieren. Der Kopf funktioniert, aber man muss ständig den Körper in Bewegung halten, damit das Leben noch relativ freudig abläuft.

Sie wurden mit 59 Jahren erstmals Vater. Sind Sie besonders mutig, brauchen Sie sehr wenig Schlaf?
Nein, ich habe einen tollen Sohn, der sehr viel geschlafen hat. Oft zwölf bis 13 Stunden, mit kurzen Pausen. Er macht gerade Abitur und in Freistunden kommt er nach Hause, legt sich hin und sagt, er müsse jetzt wieder eine Runde schlafen. Zwei weitere Kinder wurden mir ja quasi geschenkt, haben mich aber als Stiefvater sehr gerne angenommen. Ich habe eine wunderbare Familie, die mich auch auffängt, nachdem ich meine Theaterkarriere beendet habe und nun auch vom Film weniger Leute anrufen und fragen, ob ich eine Rolle spielen will.






ZUR PERSON
 
Er bezeichnete sich schon mal als „Ü70-Auslaufmodell“. Doch sein Gesicht ist vielen Menschen so vertraut, dass ihn bereits Wildfremde auf der Straße ansprachen und um Ratschläge baten. Folge davon, dass Dietrich Mattausch in so vielen Filmen und Theaterstücken mitspielte wie kaum ein anderer deutscher Schauspieler. Er wurde im April 1940 in Leitmeritz (Litoměřice) geboren und entwickelte sich seit den siebziger Jahren an Theatern in Hamburg, München und Berlin zu einem der renommiertesten deutschen Darsteller. Zugleich erreichte Mattausch große Popularität durch zahlreiche Fernsehrollen, besonders als Kommissar Rick in der ARD-Serie „Der Fahnder“. Gemeinsam mit Autor Felix Mitterer erhielt er 1992 einen Adolf-Grimme-Preis in Silber für „Die Piefke-Saga“.  





Interview: Klaus Hanisch, Fotos: SR ("Tatort"), BR ("Die Wannseekonferenz"), Ziegler Film (www.ziegler-film.com, "Im Schatten der Angst"), SWR - Alexander Kluge ("NACHTCAFé")

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