14. Dezember 2017,

"Die FAMU öffnete ihm ein Tor zur Welt"

Frank Beyer mit Kameramann Günter Marczinkowsky bei den Dreharbeiten zu „Jakob der Lügner“ im Jahr 1974

27. 09. 2016

Vor zehn Jahren verstarb Frank Beyer. Als einziger Regisseur der DDR wurde er zu einer Oscar-Verleihung eingeladen – nach einem Studium in Prag

Sein Prager Alltag begann „morgens mit dem Besuch einer mlékárna, einem Milchgeschäft.“ Daran erinnerte sich Frank Beyer nicht ohne Wehmut. Denn „im Gegensatz zu DDR-Milchgeschäften konnte man dort auch frühstücken.“ Wenngleich das Frühstück in den frühen Fünfzigerjahren nur bescheiden „aus einem rohlíček – einem Hörnchen – und einem halben Liter Milch oder Kakao“ bestand.

Danach ging Beyer zu Vor­lesungen oder arbeitete in einem Filmatelier. Oder er nahm Tschechisch-Unterricht. Mittwochs hatten alle Ausländer frei, während tschechische Kommilitonen ein Fach besuchen mussten, das „die meisten hassten wie die Pest: vojenská výchova“ – vormilitärische Ausbildung. Trotz aller propagierten Freundschaft zwischen der DDR und der ČSR wollte man sich nicht gegenseitig militärische Geheimnisse verraten. „Das hieß in unserem Fall, dass deutsche Studenten nicht sehen sollten, wie tschechische Studenten mit Panzerfäusten aus Pappe auf Panzer aus Pappe schossen“, schmunzelte der Thüringer später.

Am 1. Oktober vor zehn Jahren verstarb Frank Beyer. Sein Streifen „Jakob der Lügner“ war der einzige ostdeutsche Film, der jemals für einen Oscar nominiert wurde. Dies machte ihn zum wohl berühmtesten Regisseur der DDR. War er auch der beste? „Auf jeden Fall gehörte er zu den Spitzenregisseuren der DEFA“, urteilt Ralf Schenk, Vorsitzender der DEFA-Stiftung, die sich um Erhalt und Pflege von rund 12.000 Filmen aus der Produktion der einzigen DDR-Filmgesellschaft kümmert. „Und Beyer war mit Sicherheit einer der Besten im antifaschistischen Genre wie auch für damalige Gegenwartsfilme.“

Eigene Ästhetik
Schenk betont vor allem Beyers starkes Interesse für deutsche Geschichte, die er in allen möglichen Formen auf die Leinwand zu bringen versuchte. Gerade seine frühen Filme beschäftigten sich mit deren „Ur- und Abgründen“, so Schenk. Wobei Beyer selbst seine Trilogie „Fünf Patronenhülsen“ (1960), „Königskinder“ (1962) und „Nackt unter Wölfen“ (1963) als ungeplant bezeichnete und sich eigentlich „nicht zu einem Spezialisten für antifaschistische Themen entwickeln“ wollte.

Zudem faszinierte ihn seine Zeit. Daraus resultierten jedoch nur selten Filme, weil „Stoffe, die er sich aussuchte, oft zu gesellschaftskritisch waren und in der DDR nicht realisiert werden konnten“, erklärt Filmhistoriker Schenk. Ausgezeichnet habe ihn auch, dass er sehr sorgfältig nach einer angemessenen Gestaltung suchte. Beyer habe immer exakt geprüft, wie er seine Geschichten am besten transportieren konnte, ob als Komödie, Tragödie oder Liebesfilm. „Jeder Stoff braucht seine ästhetische Form und in dieser Frage war er sehr penibel“, erläutert Ralf Schenk, „er wägte Sinn und Form immer genau ab.“

Frank Beyer verbanden viele Erlebnisse mit Tschechen und der Tschechoslowakei. Anfangs jedoch nur, weil die Verwaltung in Ost-Berlin versagte. Denn er saß bereits auf gepackten Koffern, um in Moskau zu studieren, als Beyer im SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ las, dass gerade DDR-Studenten dorthin abgereist waren – zu denen er gehören sollte. So kam Beyer im November 1952 an die Prager FAMU, zwei Jahre bevor in der DDR die erste Filmhochschule gegründet wurde.

Hervorragend gespielt: Henry Hübchen und Vlastimil Brodský (rechts) als Jakob Heym

Ihn begleitete die Sorge, was ihn wohl „in diesem unbekannten Land erwartet, das bis vor sieben Jahren von der deutschen Wehrmacht besetzt war“. Und von dessen Sprache er kein einziges Wort verstand. Seine Befürchtungen erwiesen sich als unbegründet. „Der Empfang in der Filmhochschule und in der Slawistik-Abteilung der Karls-Universität war ungewöhnlich freundlich.“ Er bat den Dekan, Filmregie statt Dramaturgie studieren zu dürfen, und rechnete mit größeren Problemen. Doch Professor Kratochvíl antwortete: „Nichts leichter als das. Lassen Sie sich in der Regieabteilung einschreiben.“

Mitstudent Forman
Sein Mitstudent Miloš Forman, einer der wichtigsten Regisseure der Neuen Welle im tschechoslowakischen Film und nach seiner Emigration in die USA zweifacher Oscar-Preisträger, lobte die FAMU: „Sie bot uns die Gelegenheit, unter Anleitung einiger der besten tschechischen Künstler unsere Sensibilität und Persönlichkeit zu entwickeln.“ Viele von ihnen hätten normalerweise selbst Karriere gemacht, wenn sie kein Berufsverbot durch die Kommunisten erhalten hätten, meinte Forman. Das Wichtigste in seiner Ausbildung sei daher gewesen, „dem tobenden Sturm des Stalinismus zu trotzen, der an jedem im Land seine Wut ausließ“, wie Beyer den in Čáslav geborenen Tschechen zitierte.

In einem etwas heruntergekommenen vierstöckigen Studentenwohnheim in der Altstadt (Hradební 7) teilte sich Beyer ein Zimmer mit einem Geiger, der oft zuhause übte. Dadurch entwickelte er eine solch große Aversion, dass es sehr lange „in keiner Partitur meiner Filmmusiken Violinen“ gab.

Wichtig war ihm, Filmgeschichte zu studieren und dafür das Prager Filmarchiv als eines der größten der Welt uneingeschränkt nutzen zu können. „Mich beeindruckten vor allem die sowjetischen und französischen Filme der dreißiger Jahre“, schrieb Beyer in seiner 2001 erschienenen Autobiographie „Wenn der Wind sich dreht“. Streifen wie „Die große Illusion“ (1937) von Jean Renoir oder „Tschapajew“ (1934) von den Brüdern Sergei und Georgi Wassiljew. Realismus und Bildsprache dieser Produktionen wurden für ihn zum Maßstab. Und er kam ins Grübeln, „ob und wie ich solche Qualität selber einmal erreichen könnte.“

Im Vergleich dazu empfand er die von offizieller Kulturpolitik gelobten Filme – wie „Das unvergessliche Jahr 1919“, in dem Stalin als Ikone vergöttert wurde – als verlogen. Zudem erkannte Beyer entsetzt, dass der Sozialistische Realismus und die Nazi-Ästhetik, wie im Film „Kolberg“ von 1944, „wie ein Ei dem anderen glichen“, obwohl sie laut amtlicher Sprachregelung angeblich „wie Feuer und Wasser“ waren. Dies bemerkte er bei einem speziell für ihn und andere deutsche Studenten veranstalteten Seminar über Nazi-Filme. Möglich wurde es, weil große Teile des deutschen Filmarchivs während des Krieges nach Prag gebracht worden waren und als Kriegsbeute noch immer in einem Giftschrank lagerten.

„Die FAMU öffnete ihm ein Tor zur Welt“, blickt Ralf Schenk zurück. Er kam nicht nur mit späteren Größen wie Forman zusammen, sondern mit Studenten aus vielen Ländern. Wertvoll war die Prager Ausbildung auch, weil seine Lehrer „Film als Kunst begriffen und darauf pochten, dass er neben der Suche nach Geschichten immer auch die Suche nach Ästhetik beachten sollte“, so Schenk.

„Lernprozess“ Slánský
Gleich nach Beyers Ankunft in Prag begann im November 1952 der sogenannte Slánský-Prozess, in dem die Kommunistische Partei ihren eigenen Generalsekretär und 13 weitere Funktionäre vor Gericht stellte. Dass sich langjährige Genossen nun plötzlich als Spione bezeichneten, empfand Beyer als „sehr fremden, irgendwie barbarischen Vorgang“. Erst vier Jahre später erfasste er nach eigenen Worten das ganze Ausmaß des stalinistischen Terrors. Chruschtschows berühmte Rede im Jahr 1956 stellte für ihn „eine Chance für die Erneuerung des Sozialismus in Europa“ dar.

Denn Beyer wurde nicht lange nach dem Krieg selbst Mitglied der SED. Wegen eines forschen Parteisekretärs, der „aus Böhmen kam, das hörte man an seinem Dialekt“, wirkte er ab September 1950 sogar als Kultur-Funktionär in Altenburg. Durch seine Filme geriet Frank Beyer in den folgenden Jahren jedoch immer wieder in große Konflikte mit seiner Partei. Wegen „Spur der Steine“ (1966), über Jahrzehnte verboten, erhielt er „praktisch Berufsverbot“. Beyer musste sich als Theaterregisseur in Dresden „rehabilitieren“.

In diese Zeit fiel 1968 der Einmarsch von Truppen des Warschauer Paktes in der Tschechoslowakei – was Beyer wegen seiner „engen Beziehungen zu unserem Nachbarland“ zutiefst schockierte. Gleichwohl trat er nicht öffentlich für die Reformpolitik von Alexander Dubček ein. Er fürchtete, dass dadurch seine baldige Rückkehr als Filmregisseur „aufs Schwerste gefährdet“ würde. War er feige? „Ja, sicher“, gab sich Beyer im Rückblick selbstkritisch.

Trotzdem wurde er 1980 aus der SED geworfen. Schon ein paar Jahre zuvor erhielt Beyer eine strenge Rüge, weil er eine Protesterklärung gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann unterzeichnet hatte. Wie Manfred Krug, der in „Das Versteck“ (1978) spielte und kurz darauf in die Bundesrepublik ausreiste, weshalb dieser Beyer-Film in der DDR totgeschwiegen wurde. Gleich danach fiel „Geschlossene Gesellschaft“ (1978) einem parteiinternen Machtkampf zum Opfer. Die SED und das Land deshalb zu verlassen, kam Beyer trotzdem nicht in den Sinn.

„Ich weiß nicht, ob man Frank Beyer als Kommunisten bezeichnen darf“, gibt Ralf Schenk zu bedenken. Für seine Generation müsse man immer existenzielle Erfahrungen mit dem Dritten Reich, Krieg und Nachkriegszeit berücksichtigen. Schenk vermutet, dass Beyer seine langjährige Parteizugehörigkeit mit der Hoffnung verband, „diesen merkwürdigen Sozialismus in der DDR durch Kraft und Standhaftigkeit hin zu einer Reformpolitik wie in Prag verändern zu können.“ Dass die Hoffnung trügerisch war, habe er nach 1989 sehr ausführlich reflektiert.

Beyer fürchtete zudem nach eigenen Worten, als über 40-Jähriger anderswo nicht mehr Karriere machen zu können – was nach der Wende 1989 durch Publikumserfolge wie „Nikolaikirche“ (1995) widerlegt wurde. Allerdings blieb er auch nach 1980 durch seine Arbeitserlaubnis für das westliche Ausland privilegiert.

In Karlovy Vary
Seine erste Filmübung in Prag gebar 1955 den Streifen „Blázni mezi námi“ (Die Irren sind unter uns). Dessen Protagonist Vlastimil Brodský, ein bekannter Schauspieler am Prager Armeetheater, spielte 20 Jahre später auch die Hauptrolle in „Jakob der Lügner“. Nicht aus Dankbarkeit, weil er sich für „Blázni mezi námi“ quasi kostenlos zur Verfügung gestellt hatte, sondern „wegen einer sehr langen Freundschaft zu Beyer“, so Schenk. Allerdings sehr zum Verdruss des renommierten DDR-Schaupielers Erwin Geschonneck, der Beyer nach der Preisverleihung vorwarf, mit ihm als Jakob hätte der Film den Oscar gewonnen.

Filmexperte Ralf Schenk widerspricht Geschonneck heute. „Brodský hat das großartig gemacht“, befindet er, „und genauso hätte man fragen können, wie es mit Heinz Rühmann als Jakob gelaufen wäre, über den ebenfalls diskutiert wurde.“ Gegen den West-Star sprach sich nach Beyers Erinnerungen SED-Chef Erich Honecker persönlich aus, um seine „Abgrenzungspolitik“ auch in der Kultur durchzusetzen.

Frank Beyer kam nach seinem Studium zunächst weiterhin fast jedes Jahr nach Prag. Eine seiner frühesten Auszeichnungen erhielt er 1962 beim Internationalen Filmfestival in Karlovy Vary (Karlsbad). Das „Cannes des Ostens“ war groß, aber zugleich familiär. „Man traf dort Weltstars auf der Straße, die man bei großen Festivals sonst nur hinter abgeschlossenen Vorhängen sah“, erinnert sich Ralf Schenk. Simone Signoret fällt ihm ein, ebenso Spencer Tracy, Peter Fonda und Giulietta Masina. „Sie liefen einem über den Weg und man konnte sie problemlos ansprechen.“

Frank Beyer verliebte sich 1964 in Karlsbad in die junge Schauspielerin Renate Blume, die später seine zweite Frau wurde. In jenem Jahr vergab die Jury den Großen Preis des Festivals an den Film „Obžalovaný“ (Der Angeklagte). „Er steht für den Anfang einer demokratischen Entwicklung im tschechoslowakischen Kino“, urteilte Beyer in seinen Memoiren. Den „sozialistischen Traum“ von 1968 hatten seiner Meinung nach „mehrere Jahre lang auch viele tschechoslowakische Filme vorbereitet.“

Zwar wagte er nicht, Dubčeks Politik offen zu unterstützen, doch zumindest dabei half Frank Beyer mit: Er war 1964 Mitglied dieser Preis-Jury.

Foto: DEFA-Stiftung/Klaus-Dieter Schwarz und FMP

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