15. Dezember 2018,

Gegen die Intoleranz

© Institut Terezínské initiativy

11. 04. 2018

Institut der Theresienstadt-Initiative ruft am Donnerstag in ganz Tschechien zum öffentlichen Gedenken an Holocaust-Opfer auf. „Bewegende Lesung“ auf dem Platz Jiřího z Poděbrad in Prag  




Von Josef Füllenbach


Am Donnerstag, 12. April wird in Prag zum 13. Mal die nun schon alljährliche öffentliche Lesung von Namen der Opfer des Holocaust – Jom haScho’a – stattfinden. Die Lesung findet von 14 bis 17 Uhr zum dritten Mal auf dem Georgsplatz (náměstí Jiřího z Poděbrad) statt. In den Jahren zuvor, seit 2006, versammelten sich die Teilnehmer auf dem Friedensplatz (náměstí Míru).

Jom haScho’a, der „Tag des Gedenkens an Holocaust und Heldentum“, ist ein jüdischer Nationalfeiertag, der nach dem jüdischen Kalender berechnet wird und deshalb in unserem Gregorianischen Kalender nicht immer auf das gleiche Datum fällt, sondern zwischen Anfang April und Anfang Mai variiert. Der Gedenktag knüpft an den Beginn des Aufstands im Warschauer Ghetto vor 75 Jahren am 19. April 1943 an. Außer in Israel, wo der Gedenktag 1951 eingeführt wurde, gedenken die Menschen inzwischen an diesem Tag in vielen anderen Ländern der Opfer des Holocaust. So laufen etwa tausende Menschen vom ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz nach Auschwitz-Birkenau, um gegen die Leugnung des Holocaust zu protestieren. Außerdem soll der „Marsch der Lebenden“ an die Todesmärsche der Häftlinge aus den Konzentrationslagern gegen Ende des Zweiten Weltkriegs erinnern.

Das Institut der Theresienstadt-Initiative (Institut Terezínské iniciativy) in Prag organisiert und koordiniert die öffentlichen Lesungen, zunächst nur in Prag, inzwischen in 15 weiteren tschechischen Städten. In diesem Jahr finden die Veranstaltungen in fünf Städten zum ersten Mal statt: in Horažďovice, Lipník nad Bečvou, Mělník, Sedlčany und Ústí nad Orlicí. Von Jahr zu Jahr beteiligen sich mehr Menschen, in Prag waren es voriges Jahr etwa tausend Teilnehmer.

Pressekonferenz mit Institutsleiterin Štěpková (2.v.l.)

Die Leiterin der Instituts der Theresienstadt-Initiative, Tereza Štěpková, erläuterte: „Kern der Aktion ist ein Lesemarathon des Lesens von Namen einzelner Frauen, Männer und Kinder, die während des Zweiten Weltkriegs wegen der ihnen zugesprochenen jüdischen oder Roma-Herkunft gehetzt, verfolgt und ermordet wurden. Ziel der Veranstaltung ist es, alle Bewohner der Tschechischen Republik zur aktiven Ehrung des Andenkens der Opfer des Holocaust einzuladen.“ Die Theresienstadt-Initiative will mit den öffentlichen Lesungen auch dazu beitragen, die Menschenrechte als Thema einer breiten öffentlichen Diskussion zu etablieren sowie geschichtliche Themen mit den aktuellen zu verbinden und auf signifikante Äußerungen von Intoleranz gegenüber Andersartigkeit aufmerksam zu machen. Die Einbeziehung der Roma-Opfer geschieht bei diesen Lesungen seit 2011.

Die Lesungen beginnen in allen teilnehmenden 16 Städten gleichzeitig um 14 Uhr und dauern längstens bis 17 Uhr. Jeder, der zur Lesung kommt, erhält ein Verzeichnis einiger Namen, jeweils mit knappen persönlichen Informationen. Die Namen kann sie oder er dann nach eigenem Ermessen persönlich vorlesen. Wie Tereza Štěpková auf Nachfrage erklärte, kommen viele auch nur, um sich die Lesung anzuhören und so ihre Unterstützung für die Aktion zu bekunden. Die Veranstaltung sei bewegend und entfalte starke Wirkungen. Nicht jedem sei es gegeben, die Lesung vorzunehmen, ohne dass die Stimme versage. Aber nach den Worten von Štěpková ist es auch kein Unglück, wenn jemand mitten im Lesen der Namen seinen Beitrag unterbrechen muss.

Jeder Besucher erhält auch Informationsmaterial, kann sich Publikationen zum Thema Holocaust und die Theresienstädter Gedenkbücher anschauen, ferner die Listen der in den Konzentrationslagern in Lety bei Písek und in Hodonín bei Kunštát gefangenen Roma durchgehen. Besonderes Thema in diesem Jahr ist die Erinnerung an die Opfer des Holocaust und Gedenkorte, an denen die Geschichte gegenwärtig wird und die sie uns, die wir an diesen Orten vorbeigehen, ins Gedächtnis rufen.

Der damalige Kulturminister Daniel Herman nahm im vorigen Jahr an der Gedenkveranstaltung in Prag teil.   © MČ Praha 2

An den Veranstaltungen beteiligen sich traditionell Augenzeugen des Holocaust, Persönlichkeiten des öffentlichen und kulturellen Lebens, Repräsentanten von jüdischen und Roma-Organisationen, Schüler und viele andere, denen das Gedenken an die Opfer des Holocaust nicht gleichgültig ist. In Prag ist die Teilnahme von Bürgermeistern der Stadtbezirke Prag 3 und 7, die Botschafter von Deutschland, Kanada, Österreich, Schweden und der Slowakei angekündigt, ferner haben sich der Holocaust-Überlebende Felix Kolmer und der frühere TOP-09-Vorsitzende Miroslav Kalousek angesagt.

Im vergangenen Jahr war auch die tschechische Regierung auf dem Georgsplatz vertreten: Der damalige Kulturminister Daniel Herman (KDU-ČSL) ergriff dabei das Wort und erinnerte an seine eigenen Verwandten, die den Holocaust nicht überlebt hatten. Damit leistete er einen sehr persönlichen Beitrag zum letztjährigen Schwerpunkt „Von Opferzahlen zu konkreten Geschichten“. Ob morgen eine Regierung vertreten sein wird, die sich anschickt, auf Geheiß des Präsidenten sich von den Kommunisten und den extremen Rechten in den Sattel heben zu lassen, darf man wohl bezweifeln.



 

Fotos: Institut Terezínské iniativy, Josef Füllenbach, MČ Praha 2 (von oben nach unten)

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