22. Januar 2018,

Schwerpunkt: Denkmalpflege

Die Nikolauskirche (Kostel svatého Mikuláše) im westböhmischen Šitboř   © NPÚ

14. 12. 2017

Der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds unterstützt im kommenden Jahr 107 neue Projekte – darunter sind 30 verfallene Kulturstätten




Die Arbeit des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds ist nicht unumstritten. Der Einrichtung wird zuweilen vorgeworfen, zu viele Projekte zu unterstützen – und deshalb einzelne Projekte mit zu geringen Mitteln auszustatten. Beziehungsweise umgekehrt manches Projekt zu großzügig zu fördern. Zudem kritisierten Insider in der Vergangenheit, dass der Fonds zu oft Projekte in Prag und zu selten in Grenzregionen im Blick habe.

Gleichwohl gilt: Der Fonds, der vor genau 20 Jahren mit der gemeinsamen Erklärung von Deutschland und der Tschechischen Republik ins Leben gerufen wurde, ist unverzichtbar. Gerade jetzt, da immer mehr Institutionen aufgeben mussten, die für die deutsch-tschechischen Beziehungen unersetzlich waren und sind.

Dazu zählt ohne Frage die Brücke/Most-Stiftung, die ausgerechnet zu ihrem 20-jährigen Jubiläum in diesem Sommer ihre operative Arbeit einstellen musste. Ihren Prager Ableger „Pragkontakt“ will nun ein neu gegründeter gemeinnütziger Verein fortführen und damit das bisherige Angebot der Stiftung aufrechterhalten. So sollen auch weiterhin deutsch-tschechische Begegnungen und Sprachanimationen für deutsche Schulklassen möglich sein. Sie werden sich ebenso historischen Themen widmen wie aktuellen Fragen, etwa zu den Gefahren von Rechtsextremismus. Der Zukunftsfonds unterstützt die Anfänge dieses Vereins mit 550.000 Kronen (umgerechnet knapp 22.000 Euro). Konkret werden zwölf eintägige Begegnungen zu einem Thema gefördert, außerdem zehn Begegnungen mit Zeitzeugen und eine einwöchige Begegnung unter dem Titel „Samtene Fastnacht“.

Seit 1998 hat der Zukunftsfonds rund 9.500 Projekte mit etwa 54 Millionen Euro unterstützt.

Insgesamt gibt der Fonds Gelder für 107 deutsch-tschechische Projekte. Dafür stehen 805.000 Euro zur Verfügung. „Der Enthusiasmus zum Erhalt des gemeinsamen Kulturerbes“ sei auf beiden Seiten der Grenze nach wie vor groß, meint Kristina Larischová. Die stellvertretende Verwaltungsratsvorsitzende des Fonds verwies nach der letzten Sitzung auf eine große Bandbreite von Projekten. Der Zukunftsfonds erhielt sowohl Anträge für die klassische Denkmalpflege wie auch für Workshops, die eine breite Öffentlichkeit erreichen sollen.


Über 300.000 Euro für Kulturstätten

Die Mittel des Fonds kommen im nächsten Jahr großteils der Denkmalpflege zugute. Allein 325.000 Euro werden dafür aufgewendet. Zu diesen Projekten zählt etwa der Kirchturm in der Gemeinde Šitboř (Schüttwa), einem Ortsteil der westböhmischen Stadt Poběžovice.

Dort ist die gotische St. Nikolauskirche einer der ältesten Sakralbauten der gesamten Region. Zugleich symbolisiere sie die lange gemeinsame Geschichte von Tschechen und Deutschen, wie der Zukunftsfonds ausführt. Ein örtlicher Verein namens Mikuláš engagiert sich schon länger gemeinsam mit der Stadtverwaltung von Poběžovice und ehemaligen deutschen Bewohnern dafür, das Kulturdenkmal zu retten. Nun soll der Kirchturm instand gesetzt werden und ein Dach erhalten. Auf dem angrenzenden Friedhof hat der Verein bereits alte Grabsteine restauriert. Außerdem soll eine Statue von Jan von Šitboř (Johannes von Schüttwa) aufgestellt werden. Er wurde dort geboren und als Autor von „Der Ackermann aus Böhmen“, bekannt, das er unter dem Namen Johannes von Tepl oder Johannes von Saaz veröffentlichte. Die Enthüllung dieser Statue ist für Juni 2018 geplant. „Ein deutsch-tschechisches Ereignis“, so der Fonds, zu dem eine größere Zahl einstiger deutscher Bewohner erwartet werden. Das Projekt wird mit 600.000 Kronen gefördert.

Zur Denkmalpflege gehören auch Rettungsarbeiten auf dem neuen jüdischen Friedhof in Horažďovice (Horaschdowitz). Er beherbergt über 400 Grabsteine aus unterschiedlichen Epochen, vom Klassizismus und Barock bis zur Neugotik. „Nicht nur ein Zeugnis für die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Horažďovice, sondern für das religiöse Kulturerbe der gesamten Region“, erläutert der Zukunftsfonds. Schon seit 15 Jahren bemüht sich die Föderation der jüdischen Gemeinden in der Tschechischen Republik um die Rettung der beschädigten Grabsteine. Nun gibt der Zukunftsfonds 300.000 Kronen für Reparatur und Stabilisierung dieser Steine, die bereits ein Sicherheitsrisiko für Besucher des Friedhofs darstellen.

Jüdischer Friedhof in Horažďovice   © CC BY-SA 3.0, Jitka Erbenová

Wie wichtig Denkmalpflege generell ist, will der Verein Omnium in Zusammenarbeit mit verschiedenen Freiwilligenorganisationen aus Deutschland verdeutlichen. Dafür veranstaltet er mehrere Workcamps über vier bis fünf Tage. Sie sollen vor allem Jugendliche auf beiden Seiten der Grenze miteinander verbinden, die am gemeinsamen deutsch-tschechischen Kulturerbe interessiert sind, aber noch wenig Erfahrung im Bereich der Denkmalpflege besitzen. Gemeinsam werden sie an Objekten kleinere Instandhaltungsarbeiten vornehmen, um auf diese Weise ein Gefühl für das verfallende Kulturerbe zu bekommen. Standorte und Objekte dafür sind der Friedhof in Krásná Loučka bei Krnov, Kirche und jüdischer Friedhof rund um Nové Domky bei Rozvadov, zwei Kirchen in Hrobčice und Chouč sowie kleine Bauten in der Region um Broumov. Der Zukunftsfonds bezuschusst dieses Projekt mit 80.000 Kronen.

Zu seinem Thema des Jahres 2017 rief der Zukunftsfonds eine kritische Auseinandersetzung mit Medien und deren Nutzung beziehungsweise Wirkung aus. Die Berufsschulen in Frýdek-Místek und Gelnhausen, die eine langjährige Schulpartnerschaft verbindet, planen nun zwei einwöchige Begegnungen von je 15 deutschen und tschechischen Jugendlichen, in denen es auch im kommenden Jahr noch um Glaubwürdigkeit von Informationen in deutschen und tschechischen Medien geht.

Die Schüler sollen lernen, Informationen selbstständig und kritisch zu hinterfragen. Dabei werden sie von der tschechischen Medienkompetenz-Initiative „Wähl deine Informationen“ („Zvol si info“) sowie der NGO „Mensch in Not“ („Člověk v tísni“) unterstützt. Ziel ist, sie für die Verbreitung von Fake News und Cyber-Mobbing zu sensibilisieren. Das Projekt wird mit 237.000 Kronen unterstützt.


Festival tschechischer Gegenwartsdramatik in Berlin

12.000 Euro bewilligte der Fonds für die Biennale „Ein Stück: Tschechien“. Mit ihr wollen der Berliner Verein „Drama Panorama: Forum für Übersetzung und Theater e. V.“ und das Tschechische Zentrum Berlin dafür sorgen, dass tschechische Gegenwartsdramatik in der deutschen Hauptstadt langfristig etabliert wird. Hintergrund ist laut Zukunftsfonds, dass es in Tschechien eine neue Generation von Theaterautoren gebe, deren Stücke für den gesamteuropäischen Raum relevant seien, die jedoch über Tschechien hinaus kaum wahrgenommen werden.

Im Rahmen der Theater-Biennale 2018 sind drei szenischen Lesungen geplant, dazu noch zwei Gastspiele von preisgekrönten Inszenierungen aus Tschechien. Das Theater Divadlo Letí gastiert in Berlin mit dem Stück „Olga: Horrory z Hrádečku“ („Olga: Horrorszenen aus Hrádeček“). Und das Prager Theater Studio Hrdinů präsentiert dort „Herec a truhlář Majer mluví o stavu své domoviny“ („Der Schauspieler und Tischler Majer spricht über den Zustand seiner Heimat“).

Szene aus "Olga (Horrory z Hrádečku)"    © Divadlo LETÍ

Auch Bremen widmet sich der tschechischen Kultur. Mit dem Festival „So macht man Frühling“ will das 2017 gegründete „Bremer Bündnis für deutsch-tschechische Zusammenarbeit“ den Bürgern der Hansestadt zeitgenössische Impulse aus dem Nachbarland vermitteln. Das Konzept des ersten Jahrgangs zählte zu den Vorzeigeprojekten des deutsch-tschechischen Kulturfrühlings 2017.

Nun bieten die Veranstalter erneut ein genreübergreifendes Programm mit Lesungen, Ausstellungen, Theater, Konzerten und Diskussionen. Schwerpunkt sind die historischen Jubiläen der Jahre 1918 (Gründung der Tschechoslowakei) und 1968 (Prager Frühling), vor deren Hintergrund auch die aktuellen deutsch-tschechischen Beziehungen beleuchtet werden. Dafür gibt es 15.000 Euro vom Zukunftsfonds.


Musikbrücke Prag – Dresden 2018

Ihren zehnten Jahrgang erlebt 2018 die „Musikbrücke Prag-Dresden“, die einen Austausch von Musikern, Ensembles und künstlerischen Institutionen aus beiden Ländern anstrebt. Die Konzertreihe wurde von dem Dirigenten Václav Luks und seinem Ensemble „Collegium 1704“ gegründet und hat sich für den Zukunftsfonds zu einem Grundpfeiler der deutsch-tschechischen Musikbeziehungen entwickelt.

Sie knüpft an die musikalische Tradition an, die Prag und Dresden verbindet, und stellt zum Teil noch unbekannte Kompositionen vor. Der Zukunftsfonds hat das Projekt von Beginn an gefördert und unterstützt auch die für das Jubiläumsjahr geplanten sieben Konzerte mit 300.000 Kronen. Mehr als 100 tschechische und deutsche Musiker und Sänger werden in Dresden und Prag auftreten. Höhepunkt des zehnten Jahrgangs sind die Aufführung des „Messias“ von Georg Friedrich Händel im Prager Rudolfinum sowie in der Dresdner Annenkirche.

Der Verwaltungsrat hat in seiner Sitzung auch die Geschäftsführer des Zukunftsfonds für die neue Periode ernannt. Für die tschechische Seite bleibt der bisherige tschechische Geschäftsführer Tomáš Jelínek im Amt. Auf deutscher Seite übernimmt die bisherige Verwaltungsratsvorsitzende Petra Ernstberger und löst damit Joachim Bruss ab.

Text: Klaus Hanisch

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