24. Mai 2018,

Kalenderblatt: 6. Februar

Porträt von König Wenzel I. (Holzschnitt aus der Barockzeit)

06. 02. 2018

Wenzel I. wird 1228 in Prag zum böhmischen König gekrönt







Wenzel (Václav), der 1205 geborene Sohn König Přemysl Ottokars I. und seiner Gemahlin Konstanze von Ungarn, wurde vor 790 Jahren am 6. Februar 1228 im Prager Veitsdom vom Mainzer Erzbischof Siegfried zum böhmischen König gekrönt. Er war damit der vierte böhmische König, aber der erste, dem die Königswürde als erblicher Titel zufiel.

Zunächst setzte ihn sein Vater als „Jüngeren König“, das heißt als Mitherrscher ein und übertrug ihm einige seiner Vollmachten und Aufgaben. Aber schon zwei Jahre später konnte Wenzel nach dem Tod von Přemysl Ottokar I. dessen volles Erbe antreten. Dieser gilt bis heute als einer der großen Herrscher aus  dem Přemyslidengeschlecht. Neben vielen anderen Verdiensten hatte er 1212 von Kaiser Friedrich II. in Basel durch die sogenannte sizilianische Goldene Bulle eine dauerhafte Kodifikation der Privilegien des Königreichs Böhmen und seines besonderen Status im Reich erreicht.

Wie so oft, folgte auf den bedeutenden Herrscher ein schwächerer Thronfolger. Wenzel war in vieler Hinsicht nur ein Schatten seines Vorgängers; es fehlte ihm an Energie und Entscheidungsfreude, er neigte bei Konflikten zu raschem Einlenken und zur Flucht vor der Verantwortung. Gern zog er sich in seine Jagdgefilde zurück oder widmete sich den angenehmen Seiten des höfischen Lebens, Ritterspielen und Minnesang. Bei einem Jagdunglück verlor Wenzel ein Auge, was ihm den Beinamen „der Einäugige“ einbrachte.

Szene mit Wenzel I. auf dem Thron aus der Chronik des Václav Hájek aus Libočany, 1541  (fotografiert im Agneskloster, Prag)

In der Stunde größter Bedrohung, als 1240/41 die Reiterheere der Mongolen unter den Söhnen Dschinghis Kahns über Kiew und Krakau in Schlesien einfielen, war Wenzel freilich fast der einzige Herrscher in Europa, der nicht bloß die Gefahr erkannte und dann in Panik verfiel, sondern tatkräftig zur Gegenwehr schritt, Verbündete organisierte und sich bei Olmütz (Olomouc) dem Schrecken entgegenstellte. Da sich die Mongolen bald nach diesem an sich unbedeutenden Scharmützel über Ungarn in die Steppen Asiens zurückzogen, entstand die Heldenlegende von König Wenzel, der Europa vor dem Untergang rettete.

Keine Legende ist der siegreiche Kampf Wenzels gegen seinen eigenen Sohn, den späteren – und wiederum großen – König Přemysl Ottokar II. Dieser ließ sich nämlich 1248 von Angehörigen des böhmischen Adels, die mit Wenzels Regierungsführung unzufrieden waren, zu einer Auflehnung gegen seinen Vater überreden. Wenzel konnte den Aufstand im Jahr darauf durch die Wiedereroberung der Prager Burg niederschlagen. Er schritt zwar zur Bestrafung des 17-jährigen Sohnes – 1247 schon zum Mitregenten und Markgrafen von Mähren erhoben – und dessen Mitverschwörer, war aber bald zur Versöhnung bereit, denn das Interesse am Erhalt der Dynastie überwog den Drang nach Vergeltung.

Teilansicht des Agnesklosters

Mit Wenzels Namen sind die Anfänge der Gotik in Prag und Böhmen verbunden. An ihn erinnert in Prag vor allem das Agneskloster, das er zusammen mit seiner Schwester Agnes vermutlich im Jahre 1233 gründete. Dort fand der am 23. September 1253 verstorbene Wenzel seine letzte Ruhe. Auch die Straße Am Graben (Na příkopě) – einer der Straßenzüge, die die frühere Grenze zwischen Prager Altstadt und Neustadt bezeichnen – weist auf das Wirken von Wenzel. Unter seiner Herrschaft nämlich erhielt die Prager Altstadt erstmals eine wehrhafte Befestigung durch ein System von Stadtmauern, Wällen und mit Wasser gefüllten Gräben.

Grab von Wenzel I. im Agneskloster

 



KALENDERBLATT

Unter dieser Rubrik erinnert die „Prager Zeitung“ in loser Folge an wichtige Personen oder Ereignisse aus der böhmischen Geschichte. Die „Kalenderblätter“ sollen an der politischen oder Kulturgeschichte Böhmens Interessierte dazu anregen, sich bei Bedarf durch geeignete und vertiefende Literatur die Zusammenhänge wieder in Erinnerung zu rufen oder sich erstmals damit bekannt zu machen. Die bedeutenden Gedenktage, die an bisweilen dramatische und bis heute nachwirkende Geschehnisse anknüpfen, sollen weiterhin mit ausführlichen Beiträgen gewürdigt werden, die das jeweilige Ereignis in den größeren Zusammenhang stellen und eine Wertung aus heutiger Sicht versuchen.

 

Text und Fotos: Josef Füllenbach

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