23. Oktober 2018,

Vor 50 Jahren begann der Prager Frühling

Titelseite der Parteizeitung RUDÉ PRÁVO vom 6. Januar 1968

18. 01. 2018

Der Reformprozess in der Tschechoslowakei kündigte sich schon lange vor 1968 an. Doch nach dem Wechsel an der Parteispitze ging es Schlag auf Schlag






Vor fünfzig Jahren begann mit der Absetzung von Antonín Novotný als Chef der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KSČ) der Reformprozess, der später als „Prager Frühling“ in die Zeitgeschichte einging. Als Nachfolger von Novotný wählte das Plenum des Zentralkomitees am 5. Januar 1968 den bisherigen Chef der slowakischen Kommunisten, Alexander Dubček, der in den Folgemonaten zum Gesicht und dann zur Ikone des Prager Reformprozesses wurde.

Dass er auch Kopf der Bewegung war, wird man freilich nicht sagen können. Diese Rolle war ihm auch nicht in die Wiege gelegt worden. Seine Jugend verbrachte der 1921 geborene Alexander Dubček fast bis zu seiner Volljährigkeit in der Sowjetunion. Sein Vater war Zimmermann und mit seiner Familie Mitte der zwanziger Jahre dorthin übergesiedelt, um am Aufbau des Kommunismus mitzuwirken. 1938 kehrte er mit der Familie in die Slowakei zurück, wo er sich 1944 als Mitglied der illegalen Kommunistischen Partei der Slowakei (KSS) am Slowakischen Nationalen Aufstand beteiligte. Nach dem Krieg stieg er in der KSS und parallel dazu in der KSČ rasch auf. In den Fünfzigern verbrachte er einige weitere Jahre in Moskau, wohin er von seiner Partei wegen seiner hervorragenden Russischkenntnisse zum Studium in den dortigen Kaderschmieden geschickt wurde. Seit 1963 war er Chef der slowakischen Kommunisten.

Herkunft und Werdegang prädestinierten Dubček eigentlich dazu, in der Partei eine verlässliche Stütze des von den Moskauern Machthabern definierten kommunistischen Mainstreams zu sein. Er zählte allerdings nicht zu den Scharfmachern. Jiří Pelikán, der während des „Prager Frühlings“ als Generaldirektor des Fernsehens der ČSSR den Reformprozess medial unterstützte und 1969 das Exil in Italien wählte, urteilte rückblickend: „Er bot das Bild eines disziplinierten Funktionärs, der sich nie durch spektakuläre Ansichten hervortat; doch durch seine Toleranz gegenüber der Meinung anderer, seine geistige Offenheit, seinen humanen Charakter, erwarb er sich die Sympathie seiner Genossen.“

Zudem versuchte Dubček in den sechziger Jahren, die Umsetzung so mancher harten Maßnahmen gegen Studenten oder Schriftsteller in der Slowakei abzumildern, wenn er ihnen in Prag auch zugestimmt hatte. Gleichzeitig hatte er sich nachdrücklich für die volle Rehabilitierung der in der stalinistischen Zeit zu Unrecht zu schweren Strafen verurteilten Genossen eingesetzt, darunter auch Gustav Husák, der später im April 1969 mit Moskauer Billigung zu Dubčeks Nachfolger als Chef der KSČ gewählt wurde.

Antonín Novotný bei einem Treffen mit dem indonesischen Präsidenten Sukarno (September 1963)

Die Ablösung des langjährigen Parteichefs Novotný kam im Januar 1968 nicht unvorbereitet. Kritik an Novotný wurde schon seit längerem geübt, da er zunehmend als uneinsichtiger Verfechter des Prager Zentralismus galt und die Slowaken sich über Gebühr bevormundet sahen. Zwar hatte die KSČ unter Novotný Anfang der sechziger Jahre im Rahmen des allgemeinen Tauwetters im sozialistischen Block auch in der ČSSR die Vorbereitung schrittweiser wirtschaftlicher und politischer Reformen in die Wege geleitet, doch zuletzt tat er sich eher als Bremser hervor. Die angestoßenen Konzepte und Maßnahmen drohten zu viel Eigendynamik zu entwickeln.

Nachdem beispielsweise der Wirtschaftsreformer Ota Šik auf dem XIII. Parteitag der KSČ von Anfang Juni 1966 seine Gedanken zur der Notwendigkeit von Wirtschaftsreformen ausführlich dargelegt hatte, endete er mit einem Appell, ergänzend dazu auch die Demokratisierung der Gesellschaft anzugehen. Nur dann könne die Partei ihre führende Rolle auf Dauer behaupten, wenn sie bereit sei, sich von alten Dogmen zu verabschieden. Der stehende Applaus unten im Saal war überwältigend, und „oben saß das Präsidium, darin eingerahmt Novotný und Breschnew mit versteinerten Mienen“, wie sich Šik später erinnerte.

Ein erstes Wetterleuchten, das im Nachhinein vielfach als Ankündigung der Ereignisse des Jahres 1968 gesehen wurde, war der tschechoslowakische Schriftstellerkongress im Juni 1967. Hier wurde unmissverständliche Kritik laut an den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen im Lande; unter anderen äußerten auch Václav Havel und Pavel Kohout ihre Unzufriedenheit und griffen die Parteiführung offen an. Im Oktober 1967 wurde eine Studentendemonstration, die wegen ständiger Stromausfälle in den Studentenheimen von Strahov mit dem mehrdeutigen Ruf nach „mehr Licht“ auf die Straße gegangen waren, von den Sicherheitskräften brutal aufgelöst. Diese als „Strahover Ereignisse“ in die Geschichte eingegangene Gewalttätigkeit der Staatssicherheit drang an die Öffentlichkeit und erhöhte zusätzlich den Druck auf die politischen Führung.

Die Zeit war gegen Ende 1967 reif für klare Signale der Erneuerung und Veränderung. Dies sahen auch viele Funktionäre und Mitglieder der KSČ, so dass sich sogar einige Wortführer der Reformgegner im Interesse des Machterhalts im Zentralkomitee den Bestrebungen anschlossen, Novotný von der Parteiführung abzulösen. Dieser wollte jedoch nicht weichen und rief kurzfristig den sowjetischen Parteichef Breschnew zur Unterstützung. Dieser kam tatsächlich am 8. und 9. Dezember 1967 nach Prag auf einen „offiziellen Urlaubsbesuch“. Doch fand Novotný entgegen seinen Erwartungen in Breschnew keine Unterstützung. Im Gegenteil: Dieser urteilte, das sei eine interne Angelegenheit der KSČ. Das konnte nur bedeuten, dass Moskau Novotný fallen ließ, aber sich gleichzeitig sicher wähnte, dass die orthodoxen Kräfte noch stark genug waren, eine „richtige“ Wahl zu treffen.

Breschnew hatte nämlich mit Novotný noch einige Rechnungen offen. Zum einen hatte Novotný drei Jahre früher, im Oktober 1964, beim Wechsel der sowjetischen Parteiführung von Chruschtschow zu Breschnew als einziger der Ostblock-Parteichefs die Inthronisierung Breschnews kritisch gesehen. Alexej Kossygin hätte er auf diesem Posten wohl vorgezogen. Zum anderen hatte sich Novotný dem Moskauer Wunsch widersetzt, in der ČSSR sowjetische Truppen zu stationieren. Die Tschechoslowakei bot an der Westflanke des Warschauer Pakts aus sowjetischer Sicht ein leicht zu öffnendes Einfallstor. Dieser Umstand musste in Moskau wegen der grundlegenden Strategieänderung der NATO hin zur sogenannten „flexible response“ statt einer umstandslosen atomaren Beantwortung jedweden Angriffs zunehmend Sorgen auslösen. Ob und inwieweit dieses Problem im August 1968 einen wichtigen Faktor bei der sowjetischen Entscheidung zum Einmarsch in die ČSSR und zu der dann folgenden dauerhaften Stationierung von Truppen darstellte, ist eine offene Frage.

Nachdem also Breschnew den Prager Genossen bei der Lösung ihrer Führungsprobleme freie Hand gelassen hatte, fiel die Wahl im Januar 1968 auf den bei den Tschechen noch wenig bekannten Dubček, ein Kompromiss zwischen dem Reformflügel und den konservativen Kräften. Er hatte im Oktober 1967 im Zentralkomitee der KSČ als erster die Häufung von Ämtern in einer Person kritisiert und damit kaum verhüllt auf Novotný gezielt, der neben seiner Funktion als Parteichef, seiner wichtigsten Machtposition, auch das Amt des Staatspräsidenten der ČSSR bekleidete.

Nachdem eine Einigung auf andere Kandidaten scheiterte, da sie zu stark mit einem der beiden Flügel identifiziert wurden, lief die Entscheidung auf Dubček zu, der sich bislang auf keinem der Flügel exponiert hatte und vor allem als konsequenter Verfechter slowakischer Interessen galt. Nach anfänglichem Sträuben – er hatte nie eine solche Machtposition angestrebt und fühlte sich seiner Natur nach dafür nicht besonders geeignet – gab er schließlich nach, zumal er sich seit Oktober für eine Ablösung Novotnýs eingesetzt hatte. Novotný behielt zunächst sein Amt als Staatspräsident. So konnte die Partei nach außen hin den Wechsel an ihrer Spitze auch damit begründen, dass auf diese Weise die Bedeutung des hohen Staatsamtes als Symbol der Arbeitermacht untermauert werde.

Generalsekretär Dubček und Staatspräsident Svoboda beim Besuch von Nicolae Ceaușescu (rechts) in Prag (15. August 1968)    © Fototeca online a comunismului românesc, photo #G539, 202/1968

Mit Dubčeks Wahl war freilich noch kein Programm des „Prager Frühlings“ beschlossen worden. Aber die Ablösung Novotnýs wirkte wie eine Befreiung von einer drückenden Last oder das Abschütteln von Fesseln, so dass die reformorientierten Kräfte innerhalb und außerhalb der Partei ermutigt waren, eine breite gesellschaftliche Diskussion und verhältnismäßig rasche Veränderungen in Gang zu setzen. Dubček musste sich auf einen langen und quälenden Balanceakt einlassen: zwischen den orthodoxen Hardlinern in der ČSSR und den „Bruderländern“ – allen voran der Sowjetunion – einerseits und andererseits den Erwartungen einer sich politisierenden Gesellschaft, die mit zunehmender Begeisterung die neuen Möglichkeiten einer schon ab Februar praktisch freien Presse zu nutzen verstand und nicht mehr dabei aufzuhalten war, auch die heiligsten Tabus radikal in Frage zu stellen.

Die Ereignisse begannen sich zu überstürzen. Schon zwei Monate nach den Januarbeschlüssen versicherte in Sofia die bulgarische Führung Breschnew, „falls notwendig, die Armee einzusetzen“. Am 23. März 1968 musste sich eine fünfköpfige Delegation der KSČ unter Dubčeks Leitung bei einer Beratung mit den fünf „Bruderparteien“ in Dresden von Breschnew, Ulbricht und Genossen wie Schulbuben die Leviten lesen lassen. Dort konstatierte der sowjetische Ministerpräsident Kossygin anklagend: „Gegenwärtig richtet sich die Aufmerksamkeit der gesamten Welt ... auf die Ereignisse in der ČSSR. Das ist völlig natürlich, denn die ČSSR ist gegenwärtig das Kettenglied, wo offensichtlich die Kräfte des Sozialismus, des Fortschritts, und die Kräfte des Kapitalismus und Imperialismus zusammentreffen.“

Auf dem ZK-Plenum der KSČ im Januar hatte sich demgegenüber Josef Smrkovský, der immer mehr als einer der führenden Reformköpfe hervortrat, noch „bestürzt“ gezeigt über die Einlassung eines anderen ZK-Mitglieds, es sei notwendig, „über unsere Entscheidungen Konsultationen mit den sowjetischen Genossen durchzuführen. Was soll das bedeuten? ... Sollen wir aus ihnen Schiedsrichter zum Wohle einer Lösung machen? Sollen wir damit die Verantwortung ihnen übertragen?“ Zweieinhalb Monate später in Dresden bat die KSČ-Delegation die „Bruderparteien“ zum Ende der „Beratung“ inständig, den Entwurf des Kommuniqués so abzuändern, dass es nach seiner Veröffentlichung in Prag nicht so aussieht, Dubček und Genossen hätte man zum Rapport bestellt und gehörig den Kopf gewaschen.

 

Text: Josef Füllenbach

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