14. Dezember 2017,

Karlsbader Geheimnis

Die erste Fabrik stellte den heutigen Becherovka noch als „Carlsbader Becherischer Englisch-Bitter“ her.

29. 06. 2016

Die Geschichte des Becherovka ist mehr als 200 Jahre alt – und beginnt mit bitteren Magentropfen

Karlsbad 1945. Hedda Baier-Becher kniet auf dem Waldboden und verbuddelt ein Rezept. Sie versteckt es, will es in Sicherheit bringen vor den tschechischen Soldaten, die sie zur Herausgabe zwingen. Das Geheimnis soll ein Geheimnis bleiben. Wer mehr als 70 Jahre später einen kräftigen Schluck kostet, mag sich wundern ob des Aufwands, der um ein alko­holisches Getränk betrieben wurde. Süßlich, aber herb im Abgang, ist der Becherovka sicher nicht nach jedermanns Geschmack. Doch die Anek­doten darum haben sich zu Legenden verdichtet.

Kopierversuche gab es einige. Und gelegentlich wird der Kräuter­likör sogar als die 13. Quelle Karlsbads bezeichnet. Dort, in der weltbekannten Kurstadt, wurde das Getränk Anfang des 19. Jahrhunderts als Becher­bitter erfunden. Glaubt man dem Etikett, wird es noch immer nach einem streng gehüteten Rezept hergestellt, bevor es zwei Monate lang in alten Eichenfässern reift.

Gehütet, ja. Aber ist es wirklich geheim? Mit der Frage beschäftigte man sich kürzlich auch beim Böhmischen Salon im Sudetendeutschen Haus in München. Um zu erfahren, wie sich das Getränk „vom Becherbitter zum Becherovka“ entwickelte, hatte der Adalbert Stifter Verein unter anderem Charlotte Pauli, Tochter der früheren Firmeninhaberin Hedda Baier-Becher, eingeladen. „Bis Kriegsende 1945 hatte kein Betriebsangehöriger Kenntnis von dem Rezept“, sagte ihr Ehemann Hans Pauli. Es habe sich stets in der Kräuterkammer befunden. „Da hat meine Schwiegermutter die Mischungen selbst gemacht.“

Zwar gehört das Getränk heute zu den Produkten, die viele als „typisch tschechisch“ bezeichnen würden. Nicht zuletzt Präsident Miloš Zeman trinkt bekanntlich gerne mal ein Glas davon. So richtig tschechisch ist der Becherovka aber nicht.

Hedda Baier-Becher (um 1940)

Seit die Firma 1997 reprivatisiert wurde, gehört das Unternehmen Jan Becher – Karlovarská Becherovka zu Pernod Ricard; 2001 stockte der französische Getränke­konzern seine Anteile auf 95,7 Prozent auf. Zudem waren die Erfinder des Becherovka keine Tschechen, sondern deutsch-böhmischer Herkunft. „Selbst viele Sudeten­deutsche wissen nicht, dass der Becherovka mal der Becherbitter war“, erzählt Horst Engel, Leiter des Karlsbader Museums in Wiesbaden.

Im Karlsbad des frühen 19. Jahrhunderts war Becher ein ver­gleichsweise häufiger Name. Viele Apotheker und Ärzte hießen so. Der Begründer des berühmten Kräuterlikörs, Josef Vitus Becher, war Kaufmann mit Branntwein-Lizenz, wie Engel erklärt. Über Jahre hinweg sei er außerdem Bürgermeister von Karlsbad gewesen. Regelmäßig logierten in seinem Haus die betuchten Gäste der Kurstadt. Im Jahr 1805 traf Josef Vitus Becher auf Christian Frobrig, Leibarzt des Reichsgrafen von Plettenberg-Mietingen. Vereint in der Leidenschaft für Kräuter und ätherische Öle, sollen die beiden monatelang mit Tinkturen experimentiert haben.

Der englische Arzt war zuvor im Auftrag der englischen Krone in deren Kolonien gewesen und daher bewandert im Umgang mit exotischen Extrakten. Doch so plötzlich er in Karlsbad aufgetaucht war, so schnell verschwand er auch wieder. Kein Adieu, nur einen Zettel soll Frobrig hinterlassen haben, mit Angaben zu der legendären Mischung und den Worten: „Das hier hat mich ziemlich begeistert.“

Becher war noch nicht zufrieden, erneut verschwand er in seiner Brennerei, um den Likör zu verfeinern. Als er wieder herauskam, nannte er das Erzeugnis in Erinnerung an das Zutun des Briten „Carlsbader Becher’scher Englisch-Bitter“ und vertrieb es von 1807 an als Magentropfen – mehr Medizin als Alkohol.

Den Gästen in Karlsbad war das einerlei. Sie liebten den Kräuterbitter – und nahmen ihn mit in die große, weite Welt. Jan Becher, der Sohn des Erfinders und Namensgeber der Firma, sah das Potenzial des Becherbitters und tat, was man heute Marketing nennen würde: Er verkaufte den Extrakt als Kräuterlikör, ließ am später so genannten Becher-Eck eine Likörfabrik errichten, und führte die charakteristische abgeflachte Flasche ein.

Fabrik am Becher-Eck im Jahr 1930

Sein Sohn Gustav Becher brach­­te dann die kleinen Porzellan­becher – mit und ohne Goldrand – auf den Markt, in denen der Likör ab 1871 serviert wurde. Sie mögen antiquiert wirken in Zeiten, da man Hochprozentiges bevorzugt aus Schnapsgläsern kippt. Damals aber waren die Becherchen in Mode, und es brauchte nicht viel Fantasie, um die Ähnlichkeit mit jenen Tassen zu erkennen, aus denen Kurgäste in Karlsbad bis heute das Heilwasser schlürfen.

Neuanfang in Deutschland
Die Beliebtheit des goldgelben Likörs sollte zunächst bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs anhalten. Im Jahr 1900 gewann der Karlsbader Becherbitter auf der Weltausstellung in Paris den Grand Prix. Das Unternehmen zählte zum erlesenen Kreis der Lieferanten am Hof der Habsburger. Das Geschäft blühte aber auch nach der Gründung der Tschechoslowakischen Republik und trotz der Wirtschaftskrise selbst noch in den dreißiger Jahren.

Als Hedda Baier-Becher 1940, nach dem Tod ihres Vaters Al­fred, die Geschäftsleitung übernahm, sollte sie nicht nur die erste Frau, sondern zugleich auch die letzte Inhaberin in der Linie der Likördynastie sein. Sie lenkte das Unternehmen durch schwere Zeiten: Alkohol war während des Krieges ein rationiertes Gut; im Herbst 1944 wurde Karlsbad massiv bombardiert. „Die Stadt war ein Trümmerhaufen. Es ist ein Wunder, dass das Becher-Eck verschont geblieben ist“, so Engel. Der Unternehmerin brachte das letztlich wenig. Als Deutsche wurde sie nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Heimat vertrieben und dazu gezwungen, dem Staat ihre Firma zu überschreiben.

Zumindest das Rezept aber wollte Hedda Baier-Becher für sich behalten. Weil sie sich geweigert hatte, es herauszu­rücken, wurde sie zu Zwangsarbeit verurteilt, von ihren Kindern getrennt und auf eine Nummer reduziert, die Nummer 3375. In ihr Tagebuch schrieb sie damals: „1. August: Nachmittags mit Frau Müller im Wald graben. Das Becherbitter-Rezept des Vaters in Handschrift vergraben.“

Das war mutig – geholfen hat es aber nicht. Die Polizei bekam das Rezept schließlich und Baier-Becher siedelte, enteignet und ab­geschoben, nach Nordrhein-Westfalen über. Dort wagte sie Ende der vierziger Jahre einen Neuanfang. Die Zusammen­setzung des Likörs genau im Kopf, gründete sie die Johann Becher OHG Likörfabrik, ansässig zunächst in Kettwig, von 1984 an in Rheinberg.

Als ihr Mann 1971 starb, verkaufte Hedda Baier-Becher den Betrieb an Underberg. Engel zufolge leistete sich der Spirituosenhersteller bei der Übernahme allerdings gleich zwei Fehler. Erstens füllte er den Likör vorübergehend in durchsichtige statt in grüne Flaschen ab, und zweitens – was noch gravierender war – benannte er Becher­bitter in Becherovka um. „Das war für einen echten Karlsbader unverständlich und sehr bedauerlich“, meint Engel, der dort 1938 zur Welt kam.

Erpresstes Rezept
Über Jahre hinweg stellten also zwei Firmen den süßen Kräuterlikör her, eine tschechoslowakische und eine deutsche. 1985 teilten sie den westdeutschen Markt per Abkommen auf. Demnach war die deutsche Firma der alleinige Importeur für die BRD, produzieren aber durften den Likör die Tschechen.

Schon gut zehn Jahre zuvor hatte man sich darüber verständigt, dass beide Unternehmen den Namen „Becher“ verwenden durften, wie Milan Augustin erläutert. Der Direktor des Karlsbader Bezirksarchivs stützt sich auf die Korrespondenz eines gewissen Václav Lupínek, der 1958 als Direktor der Likörfabrik auf den Plan trat. Wie aus Lupíneks Korrespondenz hervorgeht, hatte die Polizei das erpresste Rezept nach dem Krieg dem Ernährungsministerium über­geben, natürlich nicht, ohne sich von Hedda Baier-Becher bestätigen zu lassen, dass sich in der tschechischen Übersetzung kein Fehler eingeschlichen hatte. Ein ehemaliger Mitarbeiter soll zudem Informationen zur Produktionstechnik preisgegeben haben, etwa darüber, wie der Likör zu lagern sei. „Die Legende vom geheimen Rezept ist also nicht haltbar“, findet Augustin.

Im Sozialismus scherte man sich zunächst wenig um den Likör, die Produktion darbte dahin, und auch als es später besser lief, galt es für das verstaatlichte Unternehmen einige Herausforderungen zu meistern. Grüne Flaschen zum Beispiel waren für die Glasfabrikanten in der Tschechoslowakei ein ewiges Problem. In den fünfziger Jahren gab es sogar Überlegungen, den Betrieb einzustellen.

Dass es dennoch weiterging – und der Becherovka sogar zum Exportschlager aufstieg – ist besagtem Lupínek zu verdanken. Er focht nicht nur Streitigkeiten um die Handelsmarke aus, sondern brachte auch neue Sorten auf den Markt und kurbelte die Produktion an.

Beton mit Kultstatus
Augustin hat die Absatzzahlen parat: 1985 exportierte man in 29 Länder, nach Australien, Neuseeland und in die USA zum Beispiel. Mit rund einer Million Liter Becherovka sei ein besonders wichtiger Abnehmer die Sowjetunion gewesen. In der wesentlich kleineren DDR wurden in jenem Jahr immerhin 700.000 Liter getrunken. „Wenn man die Größe der beiden Länder vergleicht, ist das wirklich überraschend.“

Der Name Becher ziert bis heute das Fabrikgebäude. Am Becher-Eck in Karlovy Vary ist auch ein Museum eingerichtet.

Heute darf sich der „Beton“, ein 1967 zur Weltausstellung in Montréal eingeführter Cocktail aus Becherovka und Tonic Water, auch in den hippen Läden deutscher Großstädte als Szene­getränk feiern lassen. Kultstatus? Durchaus. Doch selbst wenn der Hersteller die Flasche Becherovka auf seiner Internetseite in Übergröße in einen Vollmond-Himmel ragen lässt, so ist das Mysterium bei genauerer Betrachtung gar nicht mehr so mystisch, wie der Nebel am Boden des Imagebildes glauben machen will – und die Geheimnistuerei um das Rezept darf wohl guten Gewissens als schlaue Marketingstrategie gewertet werden.

Angeblich wissen bis heute nur zwei Mitarbeiter, wie man die Kräuter zusammenstellt, die natürlich aus aller Herren Länder stammen und per Hand gepflückt wurden. Allzu detaillierte Informationen sind das nicht. Für ein gepflegtes Trinkerlebnis reichen sie aber allemal aus.

Text: Franziska Gerlach, Fotos: privat

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