14. Dezember 2017,

"Für die Deutschen waren wir Nummern"

Am Barbara-Schacht in Karviná mussten polnische Juden von 1940 bis 1943 Zwangsarbeit verrichten.

27. 04. 2016

Eine Ausstellung stemmt sich gegen das Vergessen: Zehntausende Häftlinge aus vielen Ländern Europas waren Opfer von Zwangsarbeit auf tschechischem Boden

In den siebziger Jahren glaubten manche, über die nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager sei inzwischen alles erforscht. Heute, mehr als siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wissen wir, dass noch längst nicht alle Facetten des Grauens ans Tageslicht befördert wurden. Erst diesen Montag erschien in Deutschland das umfangreiche Werk des in London forschenden und lehrenden deutschen Historikers Nikolaus Wachsmann „KL: Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager“. Nachdem er vor einem Jahr das englische Original vorgelegt hatte, überschlug sich die Fachwelt mit Lob. Und in der Tat kondensiert er auf den mehr als tausend Seiten keineswegs nur die Ergebnisse der kaum noch überschaubaren Forschungsliteratur und bekannten Dokumente, sondern gründet seine Darstellung auch auf die Auswertung zahlloser bislang unbekannter Akten und Unterlagen.

Was langjährige Forschungsarbeiten wie die von Nikolaus Wachsmann mit Blick auf das große Ganze, nämlich das Gesamtsystem von Ausbeutung und Vernichtung menschlichen Lebens in den Konzentrations­lagern zu untersuchen und aufzuklären versuchen, das unternimmt die Mitte April in Prag eröffnete Ausstellung „Verlorenes Gedächtnis? Orte der NS-Zwangsarbeit in der Tschechischen ­Republik“ mit Blick auf die lo­ka­le Geschichtsbühne. Das aber ist durch den Fokus auf einige konkrete und zudem für viele Besucher bekannte Orte nicht weniger beeindruckend und aufklärerisch als die weit ausholende Gesamtschau. Denn es ist weitgehend in Vergessenheit geraten, in welchem Ausmaß ein dichtes Netz von Außenlagern der „eigentlichen“ Konzentrations­lager und weitere Zwangs­arbeitslager auch auf dem Boden des heutigen Tschechiens in der Zeit von 1939 bis 1945 existierte.

In Litoměřice befand sich das größte KZ-Außenlager auf dem Gebiet des heutigen Tschechiens.

Die sogenannten „Außenlager“ waren drei „Stammlagern“ zugeordnet – den Konzentrationslagern in Flossenbürg, Groß-Rosen und Auschwitz – und dienten dazu, die vor allem im Sudetengebiet schon bestehenden oder mit zunehmender Kriegsdauer aus dem Reichsgebiet ausgelagerten Rüstungsbetriebe mit Arbeitskräften zu versorgen.

Von vielen der ehemaligen Zwangsarbeitslager ist heute kaum noch etwas zu sehen oder zu erkennen. Über manche ist buchstäblich das Gras gewachsen oder man findet allenfalls noch bemooste Reste von Grundmauern irgendwo in einem Wald zwischen den Bäumen – so zum Beispiel in einem Erholungsgebiet bei Hrádek nad Nisou (Grottau) unmittelbar an der sächsisch-tschechischen Grenze. Dort hat man auch eine Gaststätte in einem Gebäudekomplex eingerichtet, in dem bis 1945 Zwangsarbeiter schufteten, und ihr den sinnigen Namen „Nostalgie“ gegeben – vermutlich ohne von den Schrecken, die sich hinter den Mauern abgespielt haben, auch nur eine Ahnung zu haben.

Die Lager sind nicht nur aus dem Gesichtsfeld, sondern damit auch aus dem Gedächtnis weitgehend verschwunden. Denn in kommunistischer Zeit wurde, so Alfons Adam, der Kurator der Ausstellung, „das Thema NS-Zwangsarbeit … in der Tschechoslowakei über Jahrzehnte verschwiegen.“ Die vom damaligen Regime errichteten zentralen Gedenkstätten in Terezín (Theresienstadt), Lidice (Liditz), Ležáky (Lezaky) und in der Cyrill-und-Method-Kirche in Prag sollten die Erinnerung an die tschechischen Opfer der NS-Verbrechen wachhalten. Dem Gedenken an die Zehntausenden ausländischen Opfer der NS-Zwangsarbeit auf tschechischem Boden dienen eher Gräber, die noch an vielen Orten im Grenzgebiet zu finden sind. Aber mit dem Verfall und gelegentlich auch dem Umfunktionieren der Gebäude und Baracken verblassten das schreckliche Leiden und vielfach qualvolle Sterben in den vielen Außenlagern und in den durch Zwangsarbeit betriebenen Fabriken im Dunst einer immer ferneren Vergangenheit.

Das ehemalige „Zigeunerlager“ in Hodonín wurde nach dem Krieg als Ferienanlage genutzt.

Unter der kundigen Leitung des Historikers Alfons Adam – 2013 brachte er eine Studie über die KZ-Außenlager auf dem Gebiet der Tschechischen Republik heraus – hat ein Team von Angehörigen dreier Institutionen die Ausstellung vorbereitet: Institut Terezínské initiativy (Institut der Theresienstadt-Initiative), Antikomplex und Živá paměť (Lebendiges Gedächtnis). Alle drei haben sich in Tschechien und über dessen Grenzen hinaus mit der Aufarbeitung der Vergangenheit, der Aufklärung der Kriegs- und Nachkriegsgeschehnisse sowie mit beharrlicher Öffentlichkeitsarbeit schon einen Namen gemacht. Die Ausstellung ist als Wanderausstellung konzipiert. In Prag ist sie bis 15. Mai im Foyer der Technischen Nationalbibliothek im Stadtteil Dejvice zu sehen. Danach wird sie zum Beispiel in Ostrava und in anderen Orten der nördlichen Grenzgebiete aufgestellt. Später soll sie auch in Deutschland gezeigt werden.

Die einzelnen jeweils reich bebilderten großen Schautafeln dokumentieren für insgesamt 18 Orte die lokale Geschichte der nationalsozialistischen Zwangsarbeit. In der Regel nehmen den größten Teil der Tafel Informationen über die Unternehmen ein, in denen Zwangsarbeiter – in einigen Fällen auch Zwangsarbeiterinnen – eingesetzt waren, und über die dort herrschenden Arbeitsbedingungen. Der Leser stößt dabei auch auf manch klangvolle Namen – zum Beispiel Auto-Union, Blaupunkt, Henschel, Junkers oder Siemens –, mit denen man üblicherweise Höhepunkte deutscher Industriegeschichte verbindet.

In einem weiteren Abschnitt stellen die Tafeln Menschen mit Fotos und ihren Zeugenaussagen vor, welche die allgemeinen Begriffe wie Zwangsarbeit oder Außenlager mit individuellen Namen und Gesichtern sowie Erinnerungen an Erlebtes und Erlittenes konkretisieren. Paolo Complojer, 1922 in Italien geboren, kam 2011 noch einmal nach Karviná (Karwin), wo er ab 1943 als Kriegsgefangener beim Kraftwerksbau Zwangs­arbeit leisten musste: „Der Hauptgrund, warum ich nach 66 Jahren an meinen Einsatzort als Zwangsarbeiter zurückgekehrt bin, ist der, dass ich noch immer viele Erinnerungen daran habe. Ich habe hier sehr gelitten. Wir hatten keine Namen. Für die Deutschen waren wir Nummern. Meine Nummer war 43610.“ Sala Kirchner, polnische Jüdin aus der Nähe von Krakau, hatte sich mit 16 Jahren freiwillig für ihre Schwester zur Zwangsarbeit in einem jüdischen Arbeitslager gemeldet; sie erinnert sich: „Wenn eine von uns schwach war, verzichtete eine andere auf ihre Essensration, um sie der Schwachen zu geben. Ich sah eine Mutter und ihr Kind, wie sie sich gegenseitig das Essen stahlen. Können Sie sich das vorstellen?“

Und schließlich gibt jede Tafel darüber Auskunft, was an dem jeweiligen Ort noch heute den Leidensweg der Häftlinge ins Gedächtnis ruft: „Welche Spuren hinterließ die Zwangsarbeit am Ort?“ So ist zu erfahren, dass in Sezimovo Ústí (Alttabor) „heute nichts mehr an den Einsatz jüdischer Zwangsarbeiter in den Jahren 1943-45 (erinnert)“. Zum „Zigeunerlager“ Hodonín u Kunštátu (Hodonin bei Kunstadt) ist dagegen zu lesen: „Die Ferienanlage Žalov mit Freibad, Restaurant und ganzjährig verfügbaren Ferienhütten war auf dem ehemaligen Lagergelände in Betrieb, bis das Areal 2009 aufgekauft und die Errichtung einer Gedenkstätte beschlossen wurde.“ Ob dieses Beispiel einmal in Lety Schule machen wird, wo noch heute auf dem Gelände eines ehemaligen Internierungslagers für Roma im großen Stil Schweinemast betrieben wird? Im Kontrast dazu gehört „Holýšov (Holleischen) … zu den wenigen tschechischen Städten, die aktiv an die Geschichte der NS-Zwangsarbeit erinnern – in einem Museum, an Denkmälern, durch einen Lehrpfad … Zu Gedenkveranstaltungen kommen Menschen aus ganz Europa dorthin. Bereits 1967 fand dort eine Konferenz mit Zeitzeugen statt.“

Die Ausstellung präsentiert eine Fülle von Informationen und historischen Aufnahmen.

Zwei Grundwahrheiten
Insgesamt hat das Ausstellungsteam eine bemerkenswerte Fülle von Informationen, historischen Aufnahmen und Zeugnissen von Zeitzeugen zusammengetragen, so dass der Besucher einen nachhaltigen Eindruck von der Brutalität des NS-Systems der Zwangsarbeit gewinnt und davon, wie es sich auf dem Boden des heutigen Tschechiens im Verlauf der Kriegsjahre metastasenartig immer weiter ausbreitete. Es ist allerdings schade, dass die Tafeln nur von einer Seite zu lesen sind, in Tschechien also von der tschechisch beschrifteten Seite. Für deutsche Besucher der Ausstellung, von denen es in Prag sicher einige geben dürfte, bleibt die in deutscher Sprache gestaltete Seite verborgen. Sobald die Ausstellung nach Deutschland gelangt, dürfte es umgekehrt sein.

In der Einführung zum vorzüglich gestalteten, deutsch und tschechisch geschriebenen Kata­log sagt Viola Jakschová von Živá paměť: „Das menschliche Gedächtnis ist hier an einen Ort in der Landschaft gebunden und überbringt uns die tragische Erfahrung seiner Zeit. Für mich als Mensch im täglichen Kontakt mit Überlebenden des Zweiten Weltkriegs erinnert es hauptsächlich an zwei Grundwahrheiten: Erstens, dass die Verletzung der Menschenrechte auch nur einer kleinen Gruppe alle Mitglieder der Gesellschaft beeinflusst. Und zweitens, dass das Verschieben von Millionen von Menschen, um ihre Arbeitskraft auszubeuten, auch zu ihrer physischen Liquidierung führen kann.“


Verlorenes Gedächtnis? Orte der NS-Zwangsarbeit in der Tschechischen Republik. Wanderausstellung, bis 15. Mai in der Technischen National­bibliothek (Národní technická knihovna, Technická 6, Prag 6), geöffnet: täglich von 9 bis 2 Uhr, Eintritt frei, www.techlib.cz

Text: Josef Füllenbach, Foto: Ztracená paměť

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