14. Dezember 2017,

Bereit, die Welt zu ändern

Friedrich Stampfer bei einer Sitzung des Parteivorstandes im September 1947

06. 04. 2016

Vor 100 Jahren übernahm Friedrich Stampfer die Zeitung der deutschen Sozialdemokratie „Vorwärts“. Im Prager Exil gehörte er dem Parteivorstand an. Heute ist der Brünner eine Person der SPD-Geschichte

Das Jahr 1916 bedeutete eine tiefe Zäsur in seinem Leben. Das betonte Friedrich Stampfer gleich in den ersten Zeilen seiner Bucherinnerungen. Nachdem er „krank aus dem Felde heim­gekehrt“ war, wurde der Journalist aus Brünn Chefredakteur des SPD-Zentralorgans Vorwärts. Damit war Stampfer zugleich Mitglied des Parteivorstands. Und in dessen Beratungen ging es „mehr als einmal um das Schicksal Deutschlands“.

Als Stampfer 1957 in Kronberg im Taunus starb, verlor die SPD „vielleicht den letzten ihrer großen alten Männer“, wie Die Zeit in einem Nachruf schrieb. Denn er habe noch die klassische Tradition des Sozialismus verkörpert.

Bereits 80.000 Einwohner zählte Brünn, als Stampfer dort 1874 in eine bürgerliche Familie geboren wurde. Die „Fabrikstadt machte mich zum Sozialisten“, befand er später. Dafür trug sich „das entscheidende Ereignis meines Lebens“ bereits mit elf Jahren zu. Bei der Rückkehr von einem Schulausflug beobachtete er, wie streikende Arbeiter auf dem Theater­platz niedergeknüppelt wurden. „Das Bild, wie sie von den Dragonern gejagt worden waren, verließ mich nicht mehr“, erklärte Stampfer rückblickend.

Zudem beeinflusste ihn die „nie abreißende Kette der Natio­na­litätenkämpfe“ in Brünn. Bürger waren „ganz von selber deutsch und lernten von Kindesbeinen an, auf die Tschechen, die nur als Bauern, Arbeiter oder Dienstboten zu gebrauchen waren, hochmütig herabzublicken.“ Die anpassungswilligen Juden seien „als Mitkämpfer gegen das Tschechentum“ mit ins Boot geholt worden.

In „schlechter Gesellschaft“
Dieses deutsche Bürgertum war für Stampfer „dümmer als die Polizei erlaubte“. Während die Beamten zuweilen Verständnis für die Ziele der Brünner Arbeiterbewegung zeigten, hätten Bürger gefordert, ein scharfes Auge auf diese „schlechte Gesellschaft“ zu haben. In ihr fühlte sich Stampfer bald wohl. Ihm fiel auf, dass besser bezahlte Arbeiter die eifrigsten Mitglieder der Bewegung waren. Dass die Menschheit für alle Zeiten in Arm und Reich geteilt bleiben müsse, nur „weil dies immer so war“, wollte er als 17-Jähriger nicht mehr akzeptieren. „Ja, die Welt konnte geändert werden“, urteilte der junge Mann, „und an ihrer Änderung zum Guten mitzuarbeiten, war heiliger Beruf.“

Schon in jungen Jahren entdeckte Stampfer seine Leidenschaft für den Journalismus. Als Gymnasiast reichte er einen Artikel beim Volksfreund ein, dem deutschen sozialdemo­kratischen Wochenblatt seiner Heimatstadt. In einem Beitrag für die Monatszeitschrift Die Waffen nieder! der späteren Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner prophezeite Stampfer, dass allein eine sozialistische Internationale den Weltfrieden sichern könne und keine bürgerliche Friedensbewegung.

Zugleich hielt er Vorträge in Arbei­tervereinen, gründete einen geheimen Studentenbund und fiel am Gymnasium durch – ausgerechnet in Deutsch. Nur unter der Protektion eines ihm wohl­gesonnenen Ministers kam Stampfer später als Jura-Student an die Universität Wien. Als Jungspund übernahm er bereits die Redaktion der Brünner Sonntagszeitung. Jedoch erst, nachdem er sich mit Parteifreunden darüber verständigt hatte, dass die Annahme eines Honorars für schriftstellerische Arbeit nicht der Anfang von Korruption war.
„Wir haben über den Kaiser gelacht und seine Gefährlichkeit unterschätzt.“

Stampfer entschied sich dafür, als Journalist parteiisch zu sein. Meinungsfreiheit durfte nach seiner Ansicht wirksame politische Aktionen nicht behindern. Konsequent folgte er der Losung August Bebels wonach „die Redaktionsstuben der Arbeiterpresse die Hochschulen für den Arbeiternachwuchs“ seien.

Kasperletheater in Wien
Ab 1900 arbeitete Stampfer als Redakteur für die Leipziger Volkszeitung. Denn er war nun entschlossen, „mit meiner ganzen Kraft der reichsdeutschen Partei und ihrer Presse zu dienen“ – auch wenn er sich „als inter­nationalen Sozialisten und alles andere als Tschechenfeind“ sah.

In der Donaumonarchie störte ihn jedoch, dass slawische Bauern der aufstrebenden Indus­trie „Scharen anspruchsloser Arbeitskräfte“ lieferten. Und er erkannte, dass nationale und religiöse Gegensätze eine größere Rolle spielten als Klassenkämpfe – obwohl der Kampf zwischen Deutschen und Tschechen durch den Gegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat „scharf akzentuiert“ wurde.

Besonders enttäuscht war Stam­pfer, dass die Sozialdemokraten als Vorkämpfer für ein allgemeines und gleiches Wahlrecht kaum einen Kandidaten durchbrachten, als 1897 endlich im österreichischen Kaiserreich gewählt werden durfte. „Die Wähler hatten die Waffe, die wir ihnen in die Hand gegeben hatten, dazu gebraucht, uns niederzuschlagen“, vermerkte er verbittert.

In Brünn erlebte Stampfer noch einen SPD-Parteitag mit, bei dem er beschimpft wurde, weil er im Gegensatz zu tschechischen Parteikollegen eine Sonderstellung für Böhmen, Mähren und Schlesien wie für Ungarn guthieß. Und er vertrat den Redakteur des Brünner Volksfreund, der „ein paar Monate abzusitzen“ hatte.

Auch in Deutschland konnten Journalisten für Artikel ins Gefängnis kommen. Zum Beispiel wegen Majestätsbeleidigung. „Wir haben über Wilhelm II. gelacht und seine Gefährlichkeit unterschätzt“, fasste der Journalist seine Leipziger Jahre zusammen. „Dreißig Jahre später machten wir es mit Hitler ebenso.“

Immerhin empfand er die Versammlungen im Reichstag als würdevoll und damit gänzlich anders „als das Kasperletheater in Wien“. Als ihm Rosa Luxemburg als Mitarbeiterin aufgedrängt werden sollte, kündigte er seinen Job in Leipzig, denn von ihr fürchtete er zu große Polemik.

Stampfer ging nach Berlin und wurde Mitarbeiter beim SPD-Parteiorgan Vorwärts. Seine Beiträge übernahmen andere Parteizeitungen, ein Flugblatt erreichte „Millionenauflage im gesamten Reich“. Dazu veröffentlichte er tägliche Berliner Briefe in SPD-Zeitungen. Mit aktuellen Berichten hoffte Stampfer statt „sozialdemokratischer Agitation“ nun auf „sozialdemokratische Politik“.

Den Vorteil von Parteiblättern sah er darin, als „Gesinnungspresse“ stets mit offenem Visier zu kämpfen und politische Kämpfer heranzubilden. Zeitweise glaubte er gar, dass ein „kämpfender Sozia­list“ in einem Zölibat leben müsse, um der Sache vollkommen dienen zu können.

Jahrmarkt der Eitelkeiten
Stampfer sah sich nie als orthodoxen Marxisten. Und er glaubte nicht an eine baldige soziale Revolution, den „großen Kladde­ra­datsch“ (Bebel), sondern wünschte schnell praktische Erfolge für die Forderungen von Arbeitern. Seine persönlichen Erkenntnisse: Wer den Frieden wolle, müsse bereit sein, dafür auch die Freiheit zu opfern; wer aber Freiheit wolle, könne nicht unbedingt gegen den Krieg sein. Und: Die tiefste Wurzel des Sozia­lismus sei nicht proletarisches Klasseninteresse, sondern menschliche Gesinnung.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs war Deutschland „das wirtschaftlich stärkste, bestverwaltete und schlechtestregierte Land Europas“, wie Stampfer in seiner Chronik „Die vierzehn Jahre der ersten deutschen Republik“ schrieb. Seine Parteigenossen wurden wegen ihrer Unentschlossenheit in der Kriegsfrage als „vaterlandslose Gesellen“ diffamiert.

Friedrich Stampfer betonte im Vorwärts, dass seine Partei zwar keinen Krieg wolle, aber auch nicht Deutschlands Niederlage und damit Zusammenbruch und Elend. Daher würden die Sozial­demokraten „ihre Pflicht erfüllen“. Besonders er. Anders als viele Genossen trat der Brünner seinen Militärdienst in der k.u.k. Armee an. Nach seiner Rückkehr 1916 wurde ihm die Leitung des Vorwärts angetragen. Stampfer führte das Parteiblatt bis 1933 und wurde durch weitere Partei­ämter zu einer maßgebenden Figur in der SPD. Für sie saß er zwischen 1920 und 1933 selbst im Reichstag. Dafür sei er jedoch lediglich vom ersten Stock der Journalisten ins Parterre der Abgeordneten „versetzt“ worden, urteilte er nüchtern. Denn jeglicher parlamentarischer Ehrgeiz blieb ihm auf diesem „Jahrmarkt der Eitelkeiten für kleine Leute“ fremd. An eigene Reden im Plenum erinnerte er sich kaum.

Am Abend des 27. Februar 1933 wurde sein Vortrag im vollen Berliner Sportpalast zum 50. Todes­tag von Karl Marx gesprengt, wenige Stunden später brannte der Reichstag. Nachdem er seiner Verhaftung noch knapp entkommen war, stemmte sich Friedrich Stampfer mit der SPD während der historischen Reichstags­sitzung am 23. März 1933 gegen das Ermächtigungsgesetz, das Hitler an die Macht brachte.

Dass der Nazi-Führer „als Redner einen seiner besten Tage“ hatte, schrieb sich der Brünner selbst zu. Denn wie üblich hatte er die Erklärung seiner Fraktion vorab an die Presse gegeben. Dadurch bekam sie Hitler in die Hände, der „nun Zeit genug hatte, seine Antwort vorzubereiten. Er hatte diese Zeit gut ausgenützt“, so Stampfer.

Illegale Parteiarbeit
Er wollte im Land bleiben und feierte nach der letzten Reichstagswahl am 5. März 1933 in „überströmendem Glücks­gefühl“, dass die SPD ihren Wähler­stamm behaupten konnte. Dass Stampfer weiter auf Chancen einer „legalen Opposition“ gegen Hitler hoffte, war ein „im Nachhinein fast rührender Optimismus“, wie Die Zeit in einem Artikel aus dem Jahr 1969 kritisch anmerkte.

Schließlich flüchtete Friedrich Stampfer im Mai 1933 doch an die Moldau, um die illegale Partei­arbeit vorzubereiten. Fünf Jahre später ging er nach Paris und 1940 nach New York. Auch dort fand er stets Medien und Möglichkeiten für seine journalistische Arbeit. Deshalb zählte er sich trotz 15-jähriger Emigration „zu den Glücklichen meiner Zeit“, im Vergleich zum Schicksal vieler anderer.

„Wir hofften, das deutsche Volk würde sich aus eigener Kraft von der Despotie befreien, und glaubten, ihm dabei helfen zu können“, resümierte Stampfer später. Daneben sah er die Aufgabe, „der Welt zu zeigen, dass Hitlerdeutschland nicht das wahre Deutschland war.“ Friedrich Stampfer habe sich stets auch als deutscher Arbeiter­führer gefühlt, bilanzierte Die Zeit zu seinem Tod im Dezember 1957: „Dafür – nicht als Jude – nahm er die Verfolgung des Dritten Reiches auf sich.“



Im Prager Exil
Ab Juni 1933 gab Friedrich Stampfer in Prag und Karlsbad den Neuen Vorwärts heraus. „Wir schrien in die Welt hinaus: Die Nazis haben den Reichstag angezündet, sie werden noch die ganze Welt in Brand stecken“, so der Brünner Journalist, „aber die Welt wollte nicht hören.“

An der Moldau formierte sich auch ein Exil-Vorstand der SPD mit Friedrich Stampfer, um den Widerstand gegen das Nazi-Regime zu organisieren und Kontakt zwischen den Sozialdemokraten im Exil oder Untergrund zu halten. Er wurde „Sopade“ genannt, nach den Anfangsbuchstaben der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, und schickte regelmäßig seine Deutschland-Berichte ins Nazi-Reich. „Unsere Hoffnungen oder, wenn man so will, unsere Illusionen waren am stärksten in der Prager Zeit“, schrieb Friedrich Stamper im Rückblick, „unsere Freunde, Deutsche und Tschechen, saßen in der Regierung, Interventionen Berlins blieben erfolglos.“ Zudem verband ihn eine enge Freundschaft mit Ludwig Czech, den er einst zum Parteieintritt ermutigt hatte. Czech war ab 1920 Vorsitzender der Deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschecho­slowakischen Republik (DSAP) und bekleidete von 1929 bis 1938 mehrere Ministerposten.

Im Januar 1934 verabschiedete die SPD ein „Prager Manifest“ als Grundsatzprogramm. Getarnt als Beipackheftchen für Rasierer wurde es ins faschistische Deutschland geschmuggelt. Weitsichtig vermuteten die Verfasser: „Der Sturz der Despotie wird sich, wenn nicht äußere Katastrophen ihn herbeiführen, nur in der gewaltsamen Niederringung, nur durch den Sieg im revolutionären Kampfe vollziehen.“ Doch die fälschlicherweise auf Frieden mit Hitler hoffenden Regierenden in London funkten nach Prag, dass die deutschen Sozialdemokraten eine Gefahr darstellen könnten. Deshalb untersagte ihnen die Beneš-Regierung eine weitere politische Tätigkeit in ihrem Land. „Als wir Prag verlassen mussten, ging das Wort von Mund zu Mund: Jetzt beginnt erst unsere Emigration“, berichtete Stampfer, „denn dort war man uns mit freundschaftlichem Verständnis begegnet und so hatten wir uns bald fast zu Hause gefühlt.“   (khan)



Erlebte Revolutionsgeschichte
Besonders ereignisreich verliefen für den Journalisten Friedrich Stampfer die Revolutionswirren nach dem Ersten Weltkrieg. Parteifreund Philipp Scheidemann, der am 9. November 1918 auf einem Balkon des Reichstags die Republik ausrief, gab als Regierungsmitglied interne Details an ihn weiter. Deshalb war „kein Blatt so gut unterrichtet“ wie der Vorwärts. Stampfer hielt Friedrich Ebert, Parteivorsitzender und ab 1919 erster Präsident der Weimarer Republik, journalistisch den Rücken frei, damit sich die SPD in den revolutionären Monaten behauptete. Beim Januaraufstand 1919 wurde sein Zeitungsgebäude besetzt und er selbst zu nächtlicher Stunde beschossen. Zur National­versammlung in Weimar, diesem „Zigeunerlager“, fuhr er in einem „streng kontrollierten Zug“, denn sein Schreibtisch stand weiterhin in Berlin.

Der Brünner war einer von nur fünf deutschen Journalisten, die am 7. Mai 1919 die Übergabe des Friedensvertrages in Versailles miterleben durften. Anschließend schrieb er im Vorwärts, man habe „den Frieden gesucht und den Krieg gefunden“ und trat aus Empörung kurzzeitig von seinem Posten als Chef­redakteur zurück.

„Als Kette humoristischer Begebenheiten“ blieb ihm der Kapp-Putsch gegen die Weimarer Republik im März 1920 in Erinnerung. Stampfer veröffentlichte eine Extra-Ausgabe seines Vorwärts. Danach suchte ihn das Militär und er fürchtete, erschossen zu werden. Denn der Journalist hatte zu einer Fort­setzung des Streiks aufgerufen, worauf die Todesstrafe stand. Tatsächlich wollte ihm ein Leutnant nur mitteilen, dass sein Blatt verboten blieb, weil es verbotswidrig erschienen war. Stampfers Fazit: „In der Anwendung terroristischer Methoden waren die Herren Kappisten noch weit zurück. Später kamen andere, die es besser verstanden.“   (khan)

Text: Klaus Hanisch, Foto: Archiv der sozialen Demokratie

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